Lokale Erinnerungskultur: Von der Schlossschule in die Gemeinde
Ludwig-Finckh-Weg wird Seeheimstraße II

Ein kurzer Spaziergang von der evangelischen Schlossschule zum damaligen Ludwig-Finckh-Weg brachte das Projekt zur lokalen Erinnerungskultur in Gaienhofen ins Rollen.
Im Geschichtsunterricht beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler der ehemaligen Jahrgangsstufe 2 des Kurses von Julia Schulz mit Ludwig Finckh und der Frage, wie die Gemeinde mit der Geschichte des Arztes, Schriftstellers und Naturschützers umgehen sollte. Begeistert von der Idee unterstützten einige Mitglieder der Demokratie und Courage AG unter der Leitung von Julian Hobinka das Vorhaben.
Lange war Finckh für sein Wirken in der Region geschätzt worden. Historische Untersuchungen zeigten jedoch, dass er nationalsozialistische und antisemitische Positionen vertrat und die nationalsozialistische Rassenideologie unterstützte. Nach historischer Aufarbeitung, einer Anhörung der Anwohnerinnen und Anwohner sowie öffentlicher Beratung beschloss der Gemeinderat Gaienhofen am 16. Dezember 2025 einstimmig, den Ludwig-Finckh-Weg umzubenennen. Ebenfalls einstimmig beschloss er die symbolische Aberkennung der Ehrenbürgerschaft, die Finckh 1926 erhalten hatte.
An einem sonnigen Tag nahm sich der Gaienhofener Bürgermeister Jürgen Maas, Zeit, die Fragen der Schüler:innen an den Mosaiktreppen auf dem Schulhof zu beantworten. Die Schüler:innen dokumentierten daraufhin die historische und politische Aufarbeitung und erarbeiteten unter anderem eine Biografie Finckhs. Darüber hinaus realisierten sie eine Ausstellung im Foyer der Schlossschule und trugen ihr Projekt im Rahmen einer Andacht in die Schulgemeinde hinein.
Am 22. Oktober wurde in einer gemeinsamen Feier von Schule und Gemeinde eine Informationstafel unter dem neu benannten Straßenschild enthüllt. Eine Gesellschaft von Interessierten traf sich im Foyer der Schlossschule, in welchem eine kleine Ausstellung der Demokratie AG an das Projekt und den Umbenennungsprozess erinnert. Schüler:innen erläuterten engagiert, was sich im Lauf ihrer Recherchen und Diskussionen entwickelt hat – und was sowohl in der Gemeinde als auch in der Schülerschaft durchaus kontrovers diskutiert wurde. Schulleiter Dr Daniel Schumacher begrüßte die Anwesenden und machte in einer Ansprache deutlich, wie wichtig es sei, dass Schulen Werte vermitteln, die junge Menschen dazu befähigt, die Gesellschaft von morgen mitzugestalten.
Die Feier wurde nach einem Fußmarsch in die – neu benannte – Seeheimstraße fortgesetzt, wo es die Schautafel zu enthüllen galt. Bürgermeister Jürgen Maas fasste den Entscheidungsprozess der Straßenumbenennung im Gemeinderat rückblickend zusammen und ließ seine Gedanken in die Aussage münden, deren Tragweite den Interessierten vor Ort noch einmal bewusst wurde: „Es darf nie genug davon gesprochen sein.“ Die Schüler der Demokratie-AG enthüllten die Informationstafel, die über die Umbenennung informiert und deren Hintergründe auf der Website der Gemeinde nachzulesen sind.
Für die Jugendlichen ist es besonders gewinnbringend zu sehen, dass ihre Arbeit in Form einer Informationstafel nun vor Ort besichtigt werden kann. Vor allem aber durfte die Schlossschule Gaienhofen mit diesem Projekt in die Gemeinde hineinwirken und einen Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur leisten.
Julia Schulz