Wo ist der Himmel?

Mittwochsandacht_online

In der ersten Zeit meines Theologiestudiums habe ich eine Andacht gehört, von der mir ein Satz im Gedächtnis geblieben ist. Gehalten hat sie ein Professor für Neues Testament aus der französischen Schweiz. Immer wieder hat er mit dem Satz einen Gedankengang eröffnet, um immer wieder in einer Sackgasse zu landen. Worum es ihm eigentlich ging, weiß ich nicht mehr. Aber den einleitenden Satz habe ich nach über 35 Jahren immer noch im Ohr: „Gott ist im (immöl und wir sind auf der Erdö.“

So weit, so einleuchtend. Aber stimmt das denn überhaupt? Die Vorstellung eines Himmels, der sich über die Erde wölbt und der Wohnort Gottes ist, haben wir doch längst hinter uns gelassen. Spätestens seit Kopernikus wissen wir, dass sich die Erde und die Planeten auf Ellipsen um die Sonne drehen und dass das All eine unendliche Weite ist – einerseits voller Galaxien und doch irgendwie eine große Leere. Da kann man sich gelegentlich schon ein bisschen verloren fühlen.

Vielleicht ging es den Jüngern Jesu nach dessen Himmelfahrt ähnlich. Eben hatte er noch mit ihnen gesprochen und dann hatte ihn eine Wolke aufgenommen und er war verschwunden. Die Jünger bleiben zurück und starren hinauf in den Himmel, wohin er verschwunden ist. Die Apostelgeschichte erzählt, dass da plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern sind, die die Jünger ansprechen. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ fragen sie. „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird wiederkommen – genauso wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“

Mit anderen Worten: „Ihr sucht an der falschen Stelle.“ Ob die Jünger das verstanden haben? Für sie war die Himmelfahrt ein Abschied von Jesus. Und das schon zum zweiten Mal. Auch wenn der erste – Karfreitag – der viel schlimmere Abschied war, kommen mir die Jünger auch jetzt ein bisschen verloren vor. Wer wollte es ihnen verdenken? Gerade erst hatten sie angefangen zu begreifen, dass mit dem Tod Jesu nicht alles vorbei war. Der Gekreuzigte war als der Auferstandene wiedergekommen. Er hatte sie getröstet und gestärkt. Und schon war er wieder weg. Wie sollten sie allein klarkommen in einer Welt, die ihnen gegenüber nicht gerade freundlich eingestellt war?

Vielleicht geht es manchen von uns ja ganz ähnlich. Wo ist Gott? Im Himmel? Hat er uns allein gelassen? Wie können wir klarkommen in einer Welt, die oft nicht besonders freundlich aussieht? Da kann man sich schon ein bisschen verloren fühlen.

Der vergangene Sonntag – auf halber Strecke zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – nimmt genau diese Stimmung auf. „Exaudi“ heißt er – „Höre mich“. „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir.“ Dieses Psalmwort liegt dem Sonntag zu Grunde. Im Evangelium für diesen Sonntag kündigt Jesus seinen Jüngern seinen Abschied an. Und zugleich erklärt er ihnen, dass sie nicht allein bleiben werden, sondern dass an seiner Stelle der Heilige Geist zu ihnen kommen wird. Jesus macht also Platz für den Heiligen Geist.

Gott kommt erneut auf die Erde – in anderer Form. Anders als der irdische Jesus, der in Galiläa und Judäa unterwegs war, ist er nicht mehr auf eine bestimmte Region beschränkt. Er ist überall auf der Erde und allen Menschen nahe. Deshalb sagen die beiden Männer nach Jesu Himmelfahrt zu den Jüngern: „Was schaut ihr in den Himmel? Ihr sucht an der falschen Stelle.“ Vielleicht braucht es Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes, um Himmelfahrt begreifen zu können.

„Gott ist im (immöl und wir sind auf der Erdö.“ Das stimmt offenbar nicht so ganz. Gott ist im Himmel und auf der Erde. Oder anders gesagt: Der Himmel ist da, wo Gott ist. Und das ist auch hier auf der Erde, mitten unter uns.

Aber wie können wir das begreifen? Wie können wir Gott hier bei uns erleben? Vielleicht hilft hier ein Bibelvers weiter, der auch in diesem Jahr wieder als Konfirmationsspruch ausgesucht wurde: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ In der Liebe ist Gott um uns und in uns. Wo wir Liebe erfahren, da erfahren wir Gott. Und wo wir liebevoll mit Menschen umgehen, da wirkt Gott durch uns. Da ist der Himmel mitten unter uns. Wir müssen uns nicht verloren fühlen.

Arnold Glitsch-Hünnefeld