Willkommen im neuen Schuljahr!

Predigt zum Schuljahresbeginn-Gottesdienst

Bild: Gerlinde Stauß (Ausschnitt)

„Herzlich willkommen zurück im Schuljahr"? Na, danke! Wahrscheinlich haben bei den gerade gehörten Worten aus dem Epheserbrief nicht wenige von Euch die Augen verdreht. „Seid nicht voller Dummheit. Betrinkt euch nicht mit Wein! Tragt euch gegenseitig Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder vor!" Was hält der Apostel wohl von uns? Bzw. von den Menschen, an die er schreibt? Dass das alles Deppen sind, die ständig nur besoffen in der Gegend herumtorkeln? Und was empfiehlt er stattdessen? Ein sterbenslangweiliges Klosterleben? 

Ich bin gerade dabei, mit unserem Schuldekan, Martin Lilje, den Einführungsgottesdienst am 25. September vorzubereiten. Wir haben uns dazu entschieden, den Predigttext für die entsprechende Woche zu verwenden. Der stammt aus dem 2. Timotheusbrief und ist in manchem dem vergleichbar, was wir gerade gehört haben. Martin Lilje hat mir dieser Tage dazu folgendes geschrieben: „Ich habe seit langem mal wieder die beiden Timotheusbriefe gelesen. Und die regen mich an manchen Stellen ganz schön auf. Diese Litanei von Anweisungen und Verordnungen; ganz schön heftig." 

Wer also bei der Lesung gerade die Augen verdreht hat, ist also in guter Gesellschaft. Ehrlich gesagt: Ich hatte meinen Spaß dabei, Euch mit so einen Text zur Begrüßung ein bisschen zu provozieren. Manchmal reitet es mich einfach … 

Eigentlich kam es mir bei der Auswahl des Textes aber auf etwas anderes an: „Macht das Beste aus eurer Zeit!" Das kann ganz verschieden interpretiert werden. Und es bezieht sich auf vielfältige Lebenssituationen. 

Hinter uns liegen die Ferien. Was habt Ihr aus den 6 ½ Wochen gemacht? Im Gemeindehaus wurde in dieser Zeit mal wieder eine Ausstellung gezeigt. Diesmal mit Bildern von Gerlinde Stauß. Sie ist nicht nur künstlerisch tätig, sondern ich kenne sie vor allem als engagierte Kirchengemeinderätin. Sie lebt hier in Gaienhofen. In den Zeiten, in denen die Ausstellung nicht geöffnet war, konnte man einen Teil der Bilder von außen betrachten. 

Einige der Bilder fangen aus meiner Sicht die Ferienstimmung sehr schön ein. Einfach mal in Ruhe den See auf sich wirken lassen. Das kann sogar bei Regenwetter reizvoll sein. Oder beim Blick auf Radolfzell. Dieses Bild hat meine Frau und mich an diverse Urlaube in Schweden erinnert. Manche von Euch sind vielleicht in die Berge gefahren. Oder weiter weg in Länder gereist, wo es Dünen oder Wüste gibt. Die Schönheit der Welt zu genießen ist eine Möglichkeit, das Beste aus seiner Zeit zu machen. Und für manche sind die Ferien die beste Zeit im Jahr. 

Jetzt schreibt der Apostel aber weiter: „… gerade weil es schlimme Tage sind". Das gilt ja wohl nicht für die Ferien! Oder vielleicht doch? Dieses Bild zeigt den Siljansee in Schweden. Eine wunderschöne Stimmung. In den Tagen dieses Sommers hat der rote Schein über dem See für mich aber noch eine zweite Bedeutung bekommen. Wir waren in der ersten Ferienwoche am Gardasee. Am Abend vor unsere Abreise sind auf der anderen Seeseite Waldbrände ausgebrochen. Wir waren zu weit weg, um es mitzubekommen, aber haben es dann gehört. Das war schon ein ziemlich unbehagliches Gefühl. 

Waldbrände, Hitzewellen, Dürre – die wir hier am Bodensee immer noch deutlich vor Augen haben – all das hat die Zeit der Sommerferien in diesem Jahr auch geprägt. Und noch von einigen anderen beunruhigenden Ereignissen in Gesellschaft und Weltpolitik haben die Nachrichten berichtet. Heißt das Beste aus seiner Zeit zu machen, die Wirklichkeit der „schlimmen Tage" lieber auszublenden? Vorübergehend vielleicht. Sich immer auf das Schlimme zu fokussieren, könnte meine Seele auf Dauer nicht ertragen. Aber irgendwie müssen wir in der Wirklichkeit ja klarkommen. Und zur Wirklichkeit gehören nun mal beide Seiten, die schönen und die schlimmen. 

Eine Möglichkeit, mit der oft so widersprüchlichen Wirklichkeit umzugehen, ist sie geistig zu durchdringen. Zumindest ein Stück weit. Gerlinde Stauß hat nicht nur Landschaftsbilder ausgestellt, sondern auch abstrakte Malerei. Die Wirklichkeit wird auseinandergenommen und die Bestandteile werden neu zusammengesetzt. Ein Spiel mit Formen. (Die Fühler ausstrecken" heißt dieses Bild.) Oder mit Farben und Kontrasten. Diese drei Bilder heißen „Angst à Zuversicht", „Stress à Gelassenheit" und „Sorge à Vertrauen". Es ergeben sich neue Perspektiven. Die „schlimmen Tage" werden nicht ausgeblendet, aber die Künstlerin bleibt nicht bei ihnen stehen. 

Die Wirklichkeit geistig zu durchdringen. Ein reflektierter Umgang mit dem, was uns begegnet. Das üben wir miteinander in der Schule ein. Im Kunstunterricht genauso wie in den Naturwissenschaften. In Religion, Geschichte und Gemeinschaftskunde ebenso wie in Deutsch. Auch das ist ein Weg, das Beste aus seiner Zeit zu machen. 

Neben den Bildern gehörten zu der Ausstellung auch Texte von Gerlinde Stauß. Auch in manchen von ihnen kommt zum Ausdruck, dass das Leben verschiedene Seiten hat. Zum Beispiel in diesem: 

leise sein
einfach sein
der Himmel erreicht die Erde
jetzt, hier, heute
Schatten stören nicht
Glück mit Lücke
erfüllte Gegenwart
unerfüllte Träume kraftlos geworden verblasst
sanftes Spätsommerlicht am Nachmittag als greifbarer Ersatz
es ist gut so  

danke Gott 

In dem Text kommt noch eine weitere Dimension der Wirklichkeit in den Blick: Gott. Er ist der tragende Grund der Wirklichkeit. Er ist Ursprung und Ziel. Von ihm sind wir umfangen und gehalten. Er hält die ganze Welt in seiner Hand. Daraus erwächst Zuversicht. 

Wie in diesem Text: 

Noch nicht das Ende 

noch unklar, was kommt 

im Nebel der Zukunft versteckt 

ein bisschen erwartet, ein bisschen befürchtet 

ein bisschen vertrauend 

dass es gut wird 

Aus diesem Vertrauen heraus der Welt begegnen. Ihren schönen und ihren beunruhigenden Seiten. Das ist der Glaube, den Paul Tillich den „Mut zum Sein" nennt. Das ist eine Form, das Beste aus seiner Zeit zu machen. Diesen Mut und dieses Vertrauen wünsche ich uns am Beginn dieses Schuljahrs. Mit den Worten, mit denen Gerlinde Stauß ihren Text „Morgen" beschließt: „Auf geht's". 

Amen.

A. Glitsch-Hünnefeld