Von der Schönheit der Reduktion
Mittwochsandacht_online

Die Herbstferien markieren für mich den Übergang zum Spätherbst. Die Ernte ist eingebracht. Es sind noch bunte Blätter an den Bäumen, aber sie fallen nach und nach ab. Die Natur zieht sich zurück.
Ich mag diese Zeit. Nach der Fülle der Farben und Eindrücke aus dem Frühherbst und zuvor dem Frühling und Sommer erlebe ich eine wohltuende Reduktion. Ein Stück Ruhe kehrt ein. Ich mag sogar den Nebel (manchmal). Er legt sich wie eine Decke über die Welt und dämpft die Geräusche. Ich mag die Stille, die einkehrt. Bei Spaziergängen. Oder wenn ich mit einem Becher Kaffee, ein paar Keksen und einem Buch auf dem Sofa sitze und der Blick von Zeit zu Zeit nach Draußen in die herbstliche Landschaft geht.
Anfang Oktober war ich mit Pfarrer*innen und Diakon*innen aus unserem Kirchenbezirk auf einer Dekanatskonferenz in Burgund. Dort war die Atmosphäre zu der Zeit schon herbstlich. Draußen war es empfindlich kühl. Vor allem, wenn die Sonne sich nicht gegen den Nebel durchsetzen konnte.
An einem Tag haben wir Cluny besucht. Dort war im Mittelalter ein Zentrum der klösterlichen Bewegung. Im 10. Jahrhundert wurde die Abtei gegründet. Ziel war es das mönchische Leben auf das Gebet und die Liturgie zu fokussieren. Eine Konzentration auf das Wesentliche. Im Lauf der Zeit wuchs die Bewegung gewaltig an. Zwischenzeitlich gehörten über 1.200 Klöster zu Cluny. Die Abteikirche wurde zweimal durch Neubauten ersetzt. Die dritte Kathedrale, die im 13. Jhdt. vollendet wurde, war damals die größte Kirche der Christenheit. Das Langschiff maß 184 m.
Die Blütezeit von Cluny währte erstaunlich lang, aber im 16. Jhdt. setzte ein Niedergang ein. Während der französischen Revolution wurde die Kirche als Steinbruch gebraucht. Die Steine wurden für andere Bauwerke verkauft. Heute ist nur noch der Südarm des östlichen Querschiffs erhalten. Was von der Abtei heute noch da ist, ist ein Museum. In Cluny ist noch etwas von der einstigen Schönheit zu spüren, auch wenn – oder vielleicht, gerade weil – die einstige Pracht nicht mehr da ist. Das Reduzierte hat seine eigene Schönheit.
Dabei geht es mir nicht um die destruktive Freude am Niedergang. Unsere Auseinandersetzung mit Cluny geschah auf dem Hintergrund der Veränderungsprozesse in unserer Kirche. Da ist manches auch ein Niedergang. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück, die Mittel werden knapper. Das zwingt die Kirche unserer Zeit zur Reduktion. Und dieser Druck löst auch Sorgen um die Zukunft aus. Was wir aus der Geschichte von Cluny aber lernen können, ist, wie wichtig es ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ein paar Kilometer von Cluny entfernt liegt Taizé. Auch dort haben wir Station gemacht. In Taizé brachte Roger Schutz während des 2. Weltkriegs Menschen unter, die vor den Nazis auf der Flucht waren. Nach dem Krieg gründete er dort eine ökumenische Bruderschaft.
Ein Kennzeichen der Gemeinschaft dort ist ein extrem einfaches Leben. Das gilt auch für die – meist jungen – Gäste aus aller Welt, die nach Taizé kommen, um dort in der Regel eine Woche in der Gemeinschaft zu verbringen. Genächtigt wird in Zelten oder sehr schlichten Baracken. Wer nach Taizé kommt, arbeitet vormittags in der Gemeinschaft mit – in der Küche, in der Werkstatt oder anderswo. Die Mahlzeiten sind sehr einfach. Luxus oder Komfort sucht man vergeblich.
Trotzdem oder gerade deswegen kommen jedes Jahr Tausende von Jugendlichen und anderen Menschen nach Taizé. Sie finden dort eine Gemeinschaft mit Menschen aus aller Welt. Und sie finden dort eine Konzentration auf das Wesentliche des Glaubens. Im Zentrum des Lebens stehen die drei täglichen Andachten. Auch diese sind sehr schlicht gehalten. Gebet, Stille, Bibelverse und natürlich die Gesänge aus Taizé. Mehr braucht es nicht, um in den Menschen den Glauben zum Klingen zu bringen. Ich war als Jugendlicher zweimal in Taizé und habe bei dem Kurzbesuch jetzt wieder diesen Geist gespürt.
Für mich wird in solchen Formen des Glaubens erfahrbar, wie die erste Seligpreisung gemeint sein könnte: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich“. Geistliche Armut verstehe ich in diesem Zusammenhang als Bescheidenheit im Glauben, Einfachheit in den Formen, Konzentration auf das Wesentliche. Ich öffne mich als Mensch dafür, alles von Gott zu empfangen.
Natürlich habe ich auch Freude an anderen Formen. Ein Gottesdienst mit Kantorei, Orchester, vielen Mitwirkenden und fantasievollen Ideen. Ein komplexes theologisches Gedankengebäude. Eine beeindruckende Kathedrale. Auf Spätherbst und Winter folgen ja auch wieder Frühjahr und Sommer. Aber auch der Spätherbst, seine zurückgenommene Schönheit, die Stille und das Lauschen auf die leise Gegenwart Gottes haben ihren eigenen Reiz. Ich wünsche Euch, dass Ihr diese Schönheit in diesen Tagen erfahren könnt.
Arnold Glitsch-Hünnefeld