O Fortuna!

Fulminantes Klangerlebnis

O fortuna! – Welch ein Glück! mag sich so mancher Konzertbesucher gedacht haben, wenn er im Konzert am vergangenen Wochenende dabei war. Das Vokalensemble Gaienhofen, die Minikantorei und die Kantorei der evangelischen Schule Schloss Gaienhofen sowie das Sinfonische Blasorchester Stockach hatten zu einem Konzert mit dem vielversprechenden Titel „Carmina Burana meets Wind & Rock“ eingeladen. Passend zu Orffs Meisterwerk sollten auch Werke aus dem Mittelalter-Kontext zu Gehör kommen, der sich mit Medieval Rock Bands nicht nur auf Themenfestivals großer Beliebtheit erfreut.

Und es ist wahrhaft ein Glücksfall, wenn vier Ensembles – und damit insgesamt 250 Mitwirkende – gemeinsam musizieren und dazu einen Anblick bieten, wie man ihn selten erlebt. „Monumental“, „grandios“, „fantastisch“, „beeindruckend“ – das sind die Attribute, die das Urteil der Zuhörer in der zweimal ausverkauften Hörihalle in Gaienhofen dominieren.

Das gut 80-köpfige Sinfonische Blasorchester Stockach überzeugte in der Blasorchester-Fassung von Carmina Burana mit einer bemerkenswerten Mischung aus technischer Präzision, klanglicher Farbenvielfalt und ansteckender Spielfreude. Unter sicherer Leitung von Helmut Hubov und Siegfried Schmidgall formten die Musiker die monumentalen Tutti‑Passagen mit wuchtiger Präsenz, ließen aber auch in den ruhigeren Momenten höchst zarte Klangschichten entstehen — ein Balanceakt, der ihnen jederzeit gelang. Besonders beeindruckten die geschärfte Rhythmik, die klar artikulierten Akzente und die kontrastreichen Dynamikverläufe, die Orffs dramatische Wirkung in der Bläserfassung eindrücklich zur Geltung brachten. Ihr musikalischer Leiter, Stadtmusikdirektor Helmut Hubov, hatte die Bläser mit großem Enthusiasmus musikalisch vorbereitet und übernahm das Dirigat bei einzelnen Teilen von Carmina Burana.

Die intensive Spielfreude des Orchesters übertrug sich schnell auf die Chöre. Es waren ihrer drei: Das Vokalensemble Gaienhofen hatte sich mit der Schulkantorei und der Minikantorei zusammengetan und alle drei Ensembles bewiesen, wie kraftvoll musikalische Begegnungen über Generationen hinweg wirken können. Der gemeinsame Auftritt erzeugte eine faszinierende Registervielfalt: helle, klare Kinderstimmen leuchteten über den lebhaft nuancierten Stimmen der Jugendlichen, während die erwachsenen Stimmen dem Gesamtklang Gewicht und Tiefe schenkten.

So konnten die Kinder und Jugendlichen sowohl als Solisten, im Klang ihres Ensembles und gemeinsam mit den Erwachsenen einzelne Songs und Partien aus Carmina Burana brilliant gestalten und die Zuhörer von ihrem Können und einem selbstbewussten musikalischen Duktus überzeugen.
Dieses Nebeneinander der Altersgruppen führte zu einer dichten Textur, in der kleinste melodische Details ebenso zur Geltung kamen wie monumentale Tutti‑Momente. Besonders in den aufbrandenden Passagen zeigte sich die beeindruckende Wucht des Klanges: Rhythmus, Dynamik und eine gemeinsame Atemführung verwandelten die dynamisch differenziert gestalteten Partien in ein akustisches und szenisches Erlebnis, das das Publikum spürbar mitriss.

Höhepunkte des Abends und Klangkrone zugleich waren die Auftritte der Instrumentalsolisten, die mit Flöte, Drehleier und Dudelsack im Gesamtensemble mit den Bläsern für einen authentischen Mittelaltersound sorgten und Songs wie „O varium fortune“ und „De mundi statu“ (Corvus Corax) zu einem besonderen Klangerlebnis erhoben. Zum anderen waren es die Gesangssolisten, die einen perfekt auf den Gesamtklang abgestimmten Kontrapunkt bildeten. Julia Küsswetter (Sopran), Joaquín Asiáin (Tenor) und Lorenzo de Cunzo (Bariton) gelang ein durchdachtes Wechselspiel mit den Chören: klare Dialoge, abgestimmte Dynamik und nahtlose Übergänge verwandelten die Solo‑Passagen in prägende Bausteine des musikalischen Spannungsbogens — ein eindrucksvolles Zusammenspiel von Individualität und gemeinsamer Klangwirkung.

Die Gesamtleitung lag bei Siegfried Schmidgall, der in seiner Rolle als Schulkantor der evangelischen Schule mit dem Konzert seine „Finissage“ absolvierte, da er zum Sommer in den Ruhestand verabschiedet wird. Er bleibt Leiter des Vokalensembles Gaienhofen, das auch in Zukunft die gewachsene Kooperation mit der Schule und damit zwischen den Chören fortführen möchte.

Ein herzlicher Dank gilt allen Mitwirkenden, auch denen, die mit ihrem Beitrag im Hintergrund zum Gelingen des Konzertevents beigetragen haben!

Fotos: Gerhard Fröhlich; Laura Iseli-Windhab