„Mit Gefühl!“
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Jodie Griggs / Getty Images
„Mit Gefühl!“ Das ist das Motto der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ in diesem Jahr. Wie jetzt? „Mit Gefühl!“ oder „7 Wochen ohne“?
Vielleicht ist das kein Gegensatz. In der Andacht der 9b letzten Mittwoch haben wir gehört, dass Fasten ein bewusster Verzicht ist, der dem Zweck dienen kann, sich auf etwas anderes Wesentliches zu konzentrieren. Z.B. auf den Glauben und den Weg Jesu zum Kreuz. Auch das diesjährige Fastenmotto lädt dazu ein, auf etwas zu verzichten, um für etwas anderes frei zu werden. Es hat nämlich noch einen Untertitel. Das ganze Motto heißt: „Mit Gefühl! 7 Wochen ohne Härte“. Also geht es darum, auf Härte zu verzichten, um Raum für Gefühl zu schaffen.
Ich habe den Eindruck, wir leben in harten Zeiten. International werden Verhandlungen häufig durch Kriege ersetzt. Das jüngste Beispiel sind die Angriffe auf den Iran seit dem Wochenende und dessen Gegenschläge in der Region. Das Regime im Iran selbst hatte zuvor einmal mehr übermäßige Härte bewiesen, als es mehrere Tausend protestierende Menschen töten ließ.
Aber auch in unserer Gesellschaft wird Härte gefordert. „Mitgefühl hat Grenzen“ ist auf Wahlplakaten zu lesen. Die Schicksale von Menschen, die abgeschoben werden sollen, sollen lieber nicht so genau angeschaut werden.
Sich abzuhärten scheint ein Gebot der Stunde zu sein. Das, was verunsichert, die Krisen der Zeit nicht an sich heranlassen. Sich einen Panzer zulegen, der vor Verletzungen schützt. Auch im Schulalltag? Lieber nicht so deutlich zeigen, wie es einem gerade geht? Dann kann ich nicht so leicht verletzt werden?
Ich habe meine Zweifel daran, dass das so funktioniert. Menschen, die sich nach außen hin hart geben, sind oft besonders empfindlich und nachtragend. Man denke an die völlig überzogene Reaktion von Putin auf ein paar Mottowagen beim Karneval. Außerdem hat mich das Motto „Was nicht tötet, härtet ab“ noch nie überzeugt. Ich fürchte eher, wer sich abhärtet, tötet die Fähigkeit zu fühlen in sich ab.
Die kreativen Köpfe hinter der Fastenaktion sehen das offenbar ähnlich. Für die sieben Wochen schlagen sie einen Weg vor. Dieser beginnt damit, sich für Gott zu öffnen. Der nächste Schritt ist, sich den eigenen Gefühlen in ihrer ganzen Vielfalt zu öffnen. Die dritte Woche – also die aktuelle – steht unter dem Leitwort „Verletzlichkeit“. Dazu komme ich gleich noch. Die nächsten Schritte sind Mitfühlen, Nachfragen bis hin zum Ostererleben von Furcht und großer Freude.
Verletzlichkeit. Will ich das wirklich? Anderen zeigen, wie es mir gerade geht? Mich angreifbar machen, anstatt cool und unbesiegbar zu erscheinen? Traue ich mich zu weinen, wenn andere zusehen? Das fällt mir verdammt schwer. Aber das Mitgefühl, das ich erlebt habe, wenn es doch mal vorgekommen ist, war es das wert. Traue ich mich, um Hilfe zu bitten, wenn ich alleine nicht mehr weiterkann? Könnte es nicht passieren, dass ich in einer solchen Situation hängen gelassen werde? Eben, dass ich verletzt werde?
Das Besondere am christlichen Glauben ist, dass Gott selbst sich verletzlich gemacht hat. Indem er als Mensch auf die Welt gekommen ist. Als hilfloses Kind in einem armseligen Stall.
Eine Geschichte, die Jesus besonders verletzlich zeigt, spielt im Garten Gethsemane. Nach dem letzten Abendmahl geht Jesus mit seinen Jüngern dorthin. Er weiß, dass ihm die Gefangennahme und die Kreuzigung bevorstehen. Er sagt zu seinen Jüngern, dass er verzweifelt und voller Todesangst ist, und bittet sie, mit ihm wach zu bleiben. Er selbst geht tiefer in den Garten und betet. Er legt Gott seine Angst vor und bittet ihn, einen anderen, weniger qualvollen Weg für ihn zu finden. Aber er vertraut sich Gottes Willen an. Als er zurückkommt, sind die Jünger eingeschlafen. Dreimal geht das so. Da macht Jesus sich mit ihnen auf den Weg – der Gefangennahme entgegen.
Jesus zeigt sich seinen Jüngern verletzlich. Und er zeigt ihnen auch seine Enttäuschung darüber, dass sie es nicht schaffen, mit ihm wach zu bleiben. Er ist verängstigt, verletzt und enttäuscht. Aber er ist nicht wehleidig. Er weicht dem Schmerz nicht aus, sondern stellt sich trotz seiner Angst dem, was auf ihn zukommt. Er stellt sich seinen Gefühlen, er versteckt sie nicht, er teilt sie mit Gott und gerade darin findet er die nötige Kraft. Wer Gefühle zulassen, mitteilen und mit Gott teilen kann, ist stärker als jemand, der sich zu panzern versucht.
Und noch etwas. Wer sich seinen eigenen Gefühlen stellt, ist auch in der Lage, mit anderen Menschen zu fühlen. Das Motto „Mit Gefühl!“ ist ein Wortspiel. Es geht darum, mit den eigenen Gefühlen umzugehen, und es geht um Mitgefühl. Empathie mit anderen Menschen setzt voraus, auch die eigenen Gefühle zuzulassen. Wenn ich alle Gefühle in mir verdränge oder abtöte, kann ich auch nicht die Gefühle anderer Menschen erkennen und verstehen. Ein ziemlich trauriger Zustand.
Jesus dagegen fordert, sich von den Gefühlen anderer Menschen anrühren zu lassen. In der Bergpredigt sagt er: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“. Er beschreibt hier ein Geben und Nehmen. Beides ist nicht immer einfach. Weder die eigenen Gefühle zuzulassen und zu zeigen noch angemessen und hilfreich mit den Gefühlen anderer umzugehen. Aber es lohnt sich. Nutzen wir die Fastenzeit, um uns darin zu üben.
Arnold Glitsch-Hünnefeld