Erinnern ist nicht gleich Erinnern

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„Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Zweimal wird diese Aufforderung Jesu bei den Einsetzungsworten zum Abendmahl zitiert. Ein Gedächtnis stiften, die Erinnerung wachhalten, das gehört zum Wesenskern der christlich-jüdischen Tradition. Jedes Jahr zu Pessach vergegenwärtigen sich die Juden den Abend des Auszugs aus Ägypten. Sie stellen sich hinein in die Situation. Sie begreifen sich selbst als das Volk, das Gott befreit hat. Hier und heute.

Wenn Christen im Gottesdienst das Abendmahl feiern, vergegenwärtigen sie sich das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. In der Vergegenwärtigung werden wir Teil der Gemeinschaft um den Tisch des Herrn – auch 2000 Jahre später.

Erinnern, Vergegenwärtigung, Gedenken – das hat zentrale Bedeutung für unsere Identität. Geschieht aber nicht genau das Gegenteil, wenn aus dem Ludwig-Finckh-Weg die Seeheimstraße wird? Andererseits: Der Grund für die Umbenennung liegt doch gerade im Erinnern. Es ist kompliziert. Erinnern ist offenbar nicht gleich Erinnern.

Eine Straße nach einer Person zu benennen, ist ein ehrendes Andenken. Ebenso wie die Ehrenbürgerwürde. Beides ist eine spezielle Form des Erinnerns, die die erinnerte Person in besonderer Weise würdigt. Im Fall von Ludwig Finckh wäre das gerade ein Stück Geschichtsvergessenheit. Denn Ludwig Finckh war eben nicht nur Höri-Dichter und Naturschützer, sondern auch ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus und ein Vordenker der sogenannten „Rassenhygiene“. In dem ehrenden Andenken mittels eines Straßennamens wird dieser Teil der Erinnerung ausgeblendet.

Wie soll man umgehen mit der Erinnerung? Ein ungebrochenes Heldengedenken, das die Schattenseiten einer Person ausblendet, ist nicht der richtige Weg. Denn es verhindert, dass aus den Fehlern der Geschichte gelernt werden kann. Diese Einsicht ist allerdings keineswegs selbstverständlich.

Vor knapp zehn Jahren, im Jubiläumsjahr der Reformation, wurde darum gerungen, wie mit dem Andenken an Martin Luther umzugehen sei. Sollte seine schlimme antisemitische Hetze nicht lieber unerwähnt bleiben, die ihren Höhepunkt in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ hatte? Würde dieses Erinnern die Jubiläumsfeiern nicht zu sehr stören? Gott sei Dank hat sich diese Haltung nicht durchgesetzt. Es hätte die Wahrheit verzerrt, wenn diese Seite seiner Person verschwiegen worden wäre. Und es lässt sich auch nicht leugnen, dass seine Äußerungen ein wirkmächtiger Teil des christlichen Antijudaismus sind, der den Verbrechen der Nazis an den Juden den Boden bereitet hat. Wenn sich so etwas nicht wiederholen soll, dürfen solche Zusammenhänge nicht verschwiegen werden.

Trotzdem gilt Luther ein ehrendes Andenken. Nicht zuletzt, weil seine Bedeutung für die Identität der evangelischen Kirche wesentlich ist. Wäre vielleicht ein vergleichbarer Umgang mit Ludwig Finckh der bessere Weg gewesen? Hätte man vielleicht den Straßennamen beibehalten und mit einem erklärenden Zusatz versehen sollen?

Ich denke Nein. Zunächst einmal, weil die Bedeutung von Ludwig Finckh nicht ganz mit der von Martin Luther vergleichbar ist. Wie viele Passant*innen einen erklärenden Zusatz an einem Straßenschild zur Kenntnis nehmen würden, sei darüber hinaus dahingestellt. Richtig ist aber, dass auch die Erinnerung an Ludwig Finckh nicht einfach ausgelöscht werden soll. Das würde ja ebenfalls bedeuten, dass aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt werden kann.

Aber diese Erinnerung braucht eine andere Form als einen Straßennamen und eine Ehrenbürgerwürde. Ein Weg ist die Ausstellung, die ab heute im Foyer der Schule gezeigt wird. Danke dafür an die Arbeitsgruppe und die Demokratie-AG. Es wird eine bleibende Aufgabe sein, auch über die Zeit der Ausstellung hinaus geeignete Formen des Erinnerns zu finden. In der Ortschronik von Gaienhofen vielleicht oder mit Hilfe anderer Medien.

Das Erinnern in der Bibel klammert die dunklen Seiten der Menschen gerade nicht aus. Der Totschlag des Mose an einem Ägypter ist im Buch Exodus überliefert und damit Teil des kollektiven Gedächtnisses des Volkes Gottes. König Davids Ehebruch mit Bathseba und sein Mord an ihrem Ehemann werden nicht unter den Teppich gekehrt. Ähnliches ließe sich für die meisten Figuren der Bibel durchspielen. Die Bibel ist kein Buch des ungebrochenen Heldengedenkens. Sie ist ein Buch, das an Menschen in ihrer Größe und ihrer Gebrochenheit erinnert. An Menschen und ihre Geschichte mit Gott. So können Menschen der Gegenwart beides aus ihr lernen: Die Fehler der Vorfahren nicht zu wiederholen und deren Gegründetsein in Gott immer wieder zu vergegenwärtigen. Dazu verhelfe Gottes Geist auch uns.

Arnold Glitsch-Hünnefeld

 

Zeitungsartikel zur Umbenennung (Südkurier, 22.12.205)