World perfect?

Beeindruckende Theateraufführung

Wohin steuert unsere Welt, wenn eines Tages moderne Technik und das Streben nach Perfektion ethische Entscheidungen auf Dauer überflüssig machen? Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn Menschlichkeit und kritisches Hinterfragen unerwünscht sind?

Die Theater AG der Evangelischen Schule Schloss Gaienhofen gab darauf in vier Aufführungen von „World Perfect?“ eine Antwort. Das Stück entstand in freier Anlehnung an den Roman „The Giver“ von Lois Lowry und stammt aus der Feder der jungen Schauspieler:innen und ihrer Leiterin Margit Schlenker, die die Szenen selbst verfasst haben.

Im Mittelpunkt der Handlung steht eine post-apokalyptische Gesellschaft, die sich nach einer Katastrophe mithilfe von Rationalität und einer alles Humane ausklammernden Disziplin wieder aufgebaut hat und nun das 250-jährige Bestehen ihres Wohlstands feiert.

Die Erinnerungen der Menschheit sind ausgelagert und nur dem Oberhaupt der Gemeinschaft zugänglich, der damit Zugriff hat auf viel Ballast von Emotionen und anderen menschlichen Schwächen.

„Alles funktioniert. Alles ist logisch. Abweichung ist Risiko. Zweifel sind nicht erforderlich.“

Eine Utopie…?

Doch plötzlich bekommt das System Risse. Es beginnt mit einem Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst, Prozesse werden hinterfragt, das System wird angezweifelt, Widersprüche aufgedeckt. Menschen merken, dass das reine Funktionieren nichts mit Lebendigsein zu tun hat, dass eine KI nur reproduziert und der Mensch in deren unreflektierten Entscheidungen untergeht.

„Irgendwann wird alles unscharf. Man verändert nur noch Kleinigkeiten. Bis man nicht mehr weiß, welches die eigenen Gedanken oder die Entscheidungen waren. Oder man weiß gar nicht mehr, wer man ist…“

… oder doch eher eine Dystopie?

Die Schüler:innen der Theater AG von Klasse 5 bis 12 liefern eine mehr als beeindruckende Leistung. Die Rollen haben sie sich im wahrsten Wortsinn auf den Leib geschrieben und zeugen von einer Lebendigkeit und Natürlichkeit, wie man es bei Laienschauspielern oft vergeblich sucht. Man spürt das Herzblut, das selbst bis in die durchdachten und selbst kreierten Kulissen und die Maske reicht.

Die Rollentexte leben, denn: „Die Schauspieler:innen spielen sie nicht nur, oft sind es ihre eigenen Gedanken und Sorgen“, so das Fazit der Regisseurin Margit Schlenker über die Leistung der jungen Menschen, die ihr Stück wie jedes Jahr unter der professionellen Anleitung von Siemen Rühaak, Schauspieler und Grimme-Preisträger weiterentwickelten. Die Farbgebung des gesamten Stücks kommt mit Schwarz und Weiß aus und spielt mit Farben, nach denen sich das Auge nach zweieinhalb Stunden Spielzeit sehnt: das gegen Ende gewählte Blutrot des Lippenstifts als Symbol für einen der Risse im System ebenso wie die Farben des beeindruckenden Gemäldes, das im Rahmen einer Maltherapie unter den Händen des Königs und seiner designierten Nachfolgerin „live“ entsteht.

Beeindruckend auch die Begleitung durch das Schlagzeug, das das Stück vorantreibt und Rhythmus und Takt vorgibt. Nach und nach tauchen aber auch Melodien auf, das Klavier steigt ins Stück ein und trägt zur Vergrößerung der „Risse“ bei. Gesang als Ausdruck von Emotionen entführt die Zuschauer aus der bisher nüchternen Welt in neue Sphären.

Und am Ende? Die Figuren erhalten ihre Erinnerungen und Schwächen und damit all ihren Ballast zurück, treten aus der militärischen Disziplin in eine nahezu wohltuende Fehlbarkeit. Sie werden dadurch neu zum Leben erweckt, was in eine ausgelassene Partyszene mündet, deren Leichtigkeit auch die Zuschauer:innen die im Lauf des Stücks entstandenen Beklemmungen abwerfen lässt.

Wir danken allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne herzlich für die tollen Aufführungen!

Spielerliste: