Das Eigene und das Verbindende
Mittwochsandacht_online

Auf allgemeinen Wunsch eines Kollegen habe ich für heute mal wieder eine Metal-Andacht vorbereitet. Bei dem Musikvideo, das wir uns gleich ansehen werden, geht es diesmal nicht um den Text. Das Stück heißt „Like Orpheus“. Im Text wird die Sage von Orpheus mit dem Höhlengleichnis von Platon assoziiert. Im weitesten Sinne geht es um die Kraft der Musik. Die steht auch im Zentrum des Videos zu dem Stück. Und darauf kommt es mir heute an.
Das Video wird für viele von Euch Bilder aus zwei fremden Religionen und aus einer dritten – ebenfalls vielleicht eher fremden – Kultur gezeigt haben. Religiöse Riten aus dem Judentum und dem Islam. Und Rituale aus der Metal-Community. Ein verbindendes Element wird gegen Ende genannt: Respekt.
Zwei junge Menschen stehen im Mittelpunkt des Films. Beide sind in ihrer jeweiligen Religion verwurzelt. Sie vollziehen deren Rituale im Kreis ihrer Familien. Der Film zeigt das mit dem gebotenen Respekt. Beide verbinden ihre Leidenschaft für ihren Glauben jeweils mit einer weiteren Leidenschaft: Der für den Metal. Das verbindet sie. Das führt sie beide zu einem Konzert. In ihrer Unterschiedlichkeit werden sie für eine begrenzte Zeit Teil einer feiernden Gemeinschaft. Dann trennen sich die Wege wieder. Was bleibt, ist die verbindende Kraft der Musik.
Die Verbindung von Menschen über religiöse und kulturelle Unterschiede hinweg ist das Kernanliegen der Band. Die Mitglieder von Orphaned Land sind Israelis. Von Anfang an haben sie sich für ein friedliches Zusammenleben von Angehörigen aller verschiedenen Religionen und Kulturen eingesetzt. Besonders von Angehörigen der abrahamitischen Religionen: Juden, Christen und Muslimen. Und besonders im Nahen Osten, wo Gewalt und Feindschaft zwischen Juden und Arabern die Regel und Frieden die Ausnahme ist.
Kobi Farhi, Sänger und Hauptsongwriter der Band, beschreibt die verbindende Kraft der Musik in einem Interview so: „Es gab Momente, in denen wir vor Arabern und Muslimen auf der Bühne standen und es zwei Stunden lang keine Kriege auf der Welt gab – wir koexistierten als eine große Familie. Das waren nicht nur die besten Momente unserer Karriere, sondern vielleicht sogar die besten unseres Lebens. Wir sahen, dass das, woran wir glauben, möglich sein könnte und keine Utopie war. … Fans aller Art feiern zusammen, Schwule, Lesben, Religiöse, Atheisten, Muslime, Juden, Christen; einfach Menschen.“
Das Interview wurde im Dezember 2023, also zwei Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel, geführt. Farhi lässt sich auch in dieser Situation nicht zum Hass gegen die Palästinenser hinreißen. Aber er findet auch deutliche Worte, wenn berechtigte Kritik am Krieg in Gaza in Antisemitismus umschlägt. Im Juli 2025 reagiert er in einem Post auf einen Musikerkollegen, der eine Band unterstützt, die sich offen antisemitisch positioniert: „Das unschuldige, leidende Volk von Palästina zu unterstützen ist ein anständiges, essenzielles menschliches Anliegen. Aber einer Band den Rücken zu decken, die offen ‚Fuck Israel’ skandiert, ist etwas gänzlich anderes. Wenn Leute diesen Satz hören, verstehen sie das nicht als politische Kritik an einer Regierung. Sie verstehen es als Hass auf eine ganze Nation und ihres Volkes — inklusive derer, die gegen unsere eigene Regierung demonstrieren, für Frieden marschieren und an Koexistenz glauben.“
Friedliche Koexistenz. Das vorletzte Album der Band heißt „All Is One“. Sind dieser Titel und die Grafik auf dem Albumcover so zu verstehen, dass Judentum, Christentum und Islam alles dasselbe ist? Vielleicht. Kobi Farhi selbst ist nicht religiös. Aber es ist auch eine andere Deutung möglich. Und dafür spricht für mich der in dem Video geforderte Respekt gegenüber den verschiedenen Kulturen. Respekt bedeutet in meinen Augen auch, nicht alles in einen Topf zu werfen, sondern das je eigene zu respektieren.
Das lässt sich auch im Metal beobachten. Es gibt unzählige Subgenres im Metal. Und manche Anhänger der einen Richtung können mit der Musik mancher anderen Richtung rein gar nichts anfangen. Den einen ist Power-Metal viel zu pathetisch und den anderen Death-Metal viel zu brutal. Und trotzdem fühlen sie sich alle der gemeinsamen Community der Metalheads zugehörig.
Ich habe mich gefragt, was es Verbindendes zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen gibt. Juden, Christen und Muslime haben gemeinsame Wurzeln. Sie führen sich alle auf Abraham als Stammvater zurück. Auch inhaltlich gibt es zwischen ihnen – und vielen anderen Religionen – einige Schnittmengen. Der Grundgedanke der Goldenen Regel findet sich in den meisten Religionen: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ Auch der Gedanke der Nächstenliebe ist in vielen Religionen verbreitet.
Was alle Religionen miteinander verbinden könnte, ist eine bestimmte Haltung. Die grundlegende Erkenntnis, dass das eigene Ego nicht das Maß aller Dinge ist, sondern das wir als Menschen einem größeren Ganzen verpflichtet sind. Ob dieses Größere nun Gott oder arabisch Allah, Jesus Christus, vielleicht auch das Humanum oder noch ganz anders genannt wird. Solcherart religiöse Menschen sind in aller Unterschiedlichkeit darin verbunden, dass sie glauben und dass sie daraus eine Verantwortung ableiten.
In einem Religionsbuch für die Oberstufe findet sich ein Kunstwerk, das Parallelen zum Albumcover von „All Is One“ aufweist. Es heißt „Engel der Kulturen“. Im Relibuch wird es als Illustration der Ringparabel von Lessing eingesetzt. Die befasst sich mit den drei abrahamitischen Religionen. Und ihr Fazit ist, dass sich aus menschlicher Sicht nicht entscheiden lässt, welches die wahre Religion ist. Für alle drei Religionen gilt aber, dass sich die wahrhaft Gläubigen an ihrem Verhalten erkennen lassen. Das möge auch der Maßstab für unser Verhalten sein.
Arnold Glitsch-Hünnefeld