„Epic Fails“?

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Bildquelle: Pixabay (Mikhail Vachtchenko)

Der schiefe Turm von Pisa. Ursprünglich ein Fiasko. Zwölf Jahre nach der Grundsteinlegung, als der Bau des Turms in der dritten Etage angelangt war, begann der Turm sich zu neigen. Bei der Planung war nicht berücksichtigt worden, dass der Untergrund aus lehmigem Morast und Sand bestand und sich unter dem Gewicht verformte. Ein geradezu epischer Konstruktionsfehler. 100 Jahre lang wurde der Bau unterbrochen. Erst 200 Jahre nach der Grundsteinlegung war der Turm vollendet. Als Glockenturm gedacht, durften seine Glocken längere Zeit nicht läuten, weil die Schwingungen den Turm zum Einsturz hätten bringen können.

Aktuell ist der Turm nach Sanierungsmaßnahmen Ende der 90er-Jahre wohl für die nächsten 300 Jahre gesichert. Die Glocken werden mittags um 12 Uhr vor Beginn der Messen geläutet, wenn auch nur mit Schlaghämmern. Vor allem aber pilgern Jahr für Jahr unzählige Touristen nach Pisa, um den Turm zu bestaunen – nicht, obwohl er schief ist, sondern weil er schief ist.

Dem Kabarettisten „Herrn Schröder“ dient der Turm als Beleg für seine These, dass Fehler viel interessanter seien als Perfektion. Als ehemaliger Lehrer hat er bei dieser These vor allem die Schule im Blick. Als weitere Beispiele für liebenswerte Fehler führt Herr Schröder ein paar Stilblüten an. So wurde z.B. auf einem Arbeitsblatt aus dem Kunstunterricht der Künstler, der die „Betenden Hände“ gezeichnet hat mit „Albrecht Dürüm“ angegeben. „Albrecht Dürüm Saal“ als Bezeichnung für die Schulmensa – das wäre irgendwie wieder passend.

In der Kursstufe schaue ich in der Unterrichtseinheit „Mensch“ mit den Kursen gerne den Film „Ich bin dein Mensch“ an. Darin geht es um das fiktive Szenario, dass eine Frau als Testperson mit einem Androiden zusammenlebt, der ihr als perfekter Liebhaber auf den Leib designt wurde. In ihrem Abschlussgutachten setzt sie sich kritisch mit der Frage auseinander, ob solche Androiden, die perfekt alle Wünsche ihres jeweiligen menschlichen Partners erfüllen würden, in Serie gehen sollten.

In der Reflexion des Films kommt eine Mehrheit der Schüler*innen zu dem Schluss, dass gerade unsere Fehler uns menschlich machen. Androiden mögen (vielleicht) irgendwann perfekt sein, aber gerade darin sind sie eben nicht menschlich. Vielleicht haben Fehler, die wir bei anderen Menschen wahrnehmen, eine entlastende Funktion für uns. Wir können darin auch unsere eigene Fehlbarkeit entdecken und das kann uns von dem Druck befreien, perfekt sein zu müssen.

Das heißt nicht, dass wir alles Bemühen einstellen sollten. Nicht alle Fehler sind so liebenswert wie der schiefe Turm von Pisa oder so mache Stilblüte. Es gibt Fehlverhalten, das ich nicht tolerieren will. Wenn z.B. der Schaden anderer Menschen oder der Umwelt für den eigenen Vorteil billigend in Kauf genommen wird.

Aber insgesamt kann uns ein gelassener Umgang mit Fehlern guttun. Und das gilt sowohl für die Fehler anderer Menschen als auch für unsere eigenen. Im günstigen Fall lernen wir aus Fehlern. Je nachdem geht es also nicht nur um Fehlertoleranz, sondern die Fehlbarkeit an sich kann vielleicht sogar wertgeschätzt werden. Und manche Fehler haben eben auch einen gewissen Unterhaltungswert.

Ich unterscheide dabei allerdings zwischen Schadenfreude und liebevollem Spott. Im Film „Ich bin dein Mensch“ gibt es eine Szene, in der ein Pärchen stundenlang Epic-Fail-Videos schaut und der Android sich fragt, was daran komisch ist. Viele dieser Missgeschicke haben zwar etwas von witzigem Slapstick. Aber oftmals sind sie für die Protagonisten auch ziemlich schmerzhaft. Und dann finde ich sie gar nicht mehr so lustig.

Ein liebevoller Umgang mit Fehlern wird in der Bibel auch Gott zugeschrieben. Im Jeremiabuch heißt es an einer Stelle: „Der Herr ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jer 31,3) Der Hintergrund ist, dass das Volk Gottes sich in eine Katastrophe geritten hat. Ein selbstmörderischer Krieg hatte dazu geführt, dass Hauptstadt und Tempel zerstört waren und ein wesentlicher Teil der Bevölkerung nach Babel verschleppt war. In dieser Situation sagt Gott den Menschen zu, dass er sie aus ihrem selbstverschuldeten Elend erlösen wird. Ein ähnliches Motiv findet sich im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Nicht alle Fehler sind folgenlos. Aber Gott nagelt uns nicht auf unsere Fehler fest. Er nimmt uns mit unseren Fehlern liebevoll an. Das kann dabei helfen, uns selbst und unsere Mitmenschen mit unseren und ihren Fehlern anzunehmen. Einen solchen fehlerfreundlichen Umgang wünsche ich mir auch für unseren Schulalltag.

Arnold Glitsch-Hünnefeld