Fülle der Wirklichkeiten

Wir gratulieren zum Abitur!

Wir gratulieren herzlich den 112 Absolvent:innen im Allgemeinbildenden und den Beruflichen Gymnasien, die am verganenen Samstag in einer Feierstunde ihr Abiturzeugnis in Empfang nehmen durften. Vier Schüler:innen erreichten die Traumnote 1,0. Clara Schrijner wurde mit dem Turmkreuz, der höchsten Anerkennung von Schloss Gaienhofen, ausgezeichnet.

„Ab jetzt ist nicht nur Gaienhofen unsere Bühne, sondern die ganze Welt.“ Welch ein Gefühl des Stolzes geht von dieser Aussage der Absolvent:innen aus, die vor Eltern, Mitschüler:innen und Lehrer:innen ihre Abschiedsansprache zum Anlass der Zeugnisübergabe halten. Die jungen Menschen halten in der gottesdienstlichen Feierstunde zum Anlass ihrer Zeugnisübergabe an dem Ort inne, an dem ihre Schulzeit vor acht bzw. drei Jahren begann: die Melanchthonkirche.

Schulpfarrer Arnold Glitsch-Hünnefeld gestaltete in seiner Ansprache Gedanken aus, wonach in Anlehnung an Derrida und den Dekonstruktivismus die Welt als ein System von Zeichen aufzufassen sei. Er forderte die Absolvent:innen dazu auf, die Mehrfachdeutbarkeit von Zeichen in der Welt als Chance zu verstehen. In Gott, so Glitsch-Hünnefeld, sei die Vielzahl der Wirklichkeiten aufgehoben: „Er ist der tragende Grund der Wirklichkeit. Er ist die eine, wahre Wirklichkeit. Aus diesem Vertrauen heraus muss die Fülle der Wirklichkeiten nicht bedrohlich sein, sondern kann als Reichtum begriffen werden.“

Die Rednerinnen für das Allgemeinbildende Gymnasium sprachen im Kontext einer Theatermetapher vom Schulleben als einer Vielzahl von Rollen, die sich im Lauf der Zeit als Wirklichkeiten veränderten und im Zusammenspiel mit anderen Akteuren einerseits jede:n Einzelne:n prägten. Andererseits sei es das Erleben von Gemeinschaft, das man als Absolvent:in mit ins Leben nehme. Diesen Gedanken griffen die beiden Absolventinnen der Beruflichen Gymnasien auf, die in ihrer Ansprache ebenfalls auf den Zusammenhalt fokussierten, den ihre Schulzeit ausmache: Wir nehmen etwas viel Wertvolleres mit als unser Abiturzeugnis: all die Erfahrungen, die Freundschaften und die Erinnerungen an eine Zeit, die uns geprägt hat.“

Die Idee des Übergangs an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitts und die damit verbundene Herausforderung stellte auch Schulleiter Dr. Daniel Schumacher in seiner Ansprache in den Mittelpunkt. Der schulische Alltag habe auch deshalb das Gemeinschaftsgefühl gefördert, weil alle in derselben – bisweilen als eng empfundenen – Struktur eingebunden gewesen seien. „Plötzlich sagt euch niemand mehr, was ihr heute oder morgen tun sollt. Entscheidungen müssen selbst getroffen werden. Prioritäten müssen selbst gesetzt werden. Genau darauf hat euch unsere Schule – hoffentlich – vorbereitet, nämlich unter anderem dadurch, dass ihr gelernt habt, Rückschläge auszuhalten, Konflikte zu lösen, gemeinsam Projekte zu gestalten und Verantwortung füreinander zu übernehmen.“

Liebe Schulleitung,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Familien,
liebe Schülerinnen und Schüler –

Schülerinnen und Schüler: so hat man uns die letzten Jahre genannt. Aber was bedeutet das?
Es ist wahrscheinlich für die wenigsten, die uns drei kennen, überraschend, dass wir als Theatermenschen auf ein Zitat von William Shakespeare zurückgreifen, frei übersetzt:

„Die ganze Welt ist eine Bühne, auf der jeder Mensch seine Rolle spielt.“

Unsere Bühne war über die letzten Jahre für mindestens sechs Stunden am Tag die Schule – Schloss Gaienhofen, die Evangelische Schule am Bodensee. Unsere Rolle war grob gesagt – wie man es aus Emails herauslesen kann – Schülerin oder Schüler zu sein.
Aber wie wir diese Rolle spielten und ausgestalteten, das änderte sich über die Zeit und war von Person zu Person unterschiedlich.
Viele von uns fingen zwar ähnlich an – als kleine, verschüchterte 5. Klässler auf einem riesigen Campus. Wenn wir schon mal dabei sind: Wo ist eigentlich M? Marstall oder Musikgebäude? (Was ist eigentlich ein Marstall?) Zugegeben, da kann man sich auch als
Oberstufenschüler:in mal verlaufen. Und in welchen Bus steige ich ein, wenn die Anzeige nicht funktioniert?

Spoiler – wir haben unseren Weg gefunden. Ohne vorherige Generalprobe, ohne Soundcheck. Und wir haben wirklich ALLE Hürden genommen: Karl der Käfer und der Sitz-Boogie-Woogie. Die Weihnachtszeit, die oft alles andere als gemütlich und besinnlich war. Ungefähr 760 Mal Unterricht am Nachmittag (das klingt nach wenig, aber glauben Sie uns, das waren 760 zu viel). Mehr als 1500 frühe Morgen, zu früh.

So viele Entscheidungen: Fächerwahl, Bili oder nicht, Seminarkurs und so weiter und so fort. Während alledem haben wir immer mal wieder unsere Rolle mit neuen Kostümen und Requisiten ausgestattet. Manche gingen von der Jeans zur Jogginghose. Manche auch
wieder zurück. Manche haben die Haare verändert. Die Kleiderordnung wurde immer gekonnter ignoriert. Für manche wurde eine Red-Bull oder Monster-Dose zur täglichen Nachmittagsüberlebenshilfe, für andere der Motorradhelm unter dem Arm das Markenzeichen.

Viele sind vom klassischen, vollen Satch-Mäppchen zum gelegentlichen Kugelschreiber übergegangen. Einige von uns haben sage und schreibe drei Intendanten – Pardon, Schulleiter, erlebt. Auch das Bühnenbild veränderte sich. Wer von euch erinnert sich noch an die E-Räume mit den gelben Wänden in dem, was heute das Hauptgebäude ist? Und die Kreidetafeln, die nicht nur in den Naturwissenschaften anzufinden waren?

Die Beleuchtung haben wir irgendwann selbst in die Hand genommen. Probleme von verschieden Seiten zu betrachten und kreative Lösungsansätze zu finden – auch wenn der Eiffelturm am Ende 0,5 Sekunden hoch ist und uns die Erde anscheinend eigentlich
abstoßen müsste – haben wir definitiv gelernt. Und kritisches Denken war und ist ebenfalls eine wichtige Kernkompetenz. Denn wer hat denn noch nie kritisch die ein oder andere Notentabelle oder den ein oder anderen Bildungsplan hinterfragt?

Der Cast hat sich wahrscheinlich am meisten verändert. Manche haben schon früher Angebote von anderen Produktionen angenommen. Andere hatten ihren ersten Auftritt erst in der 11. Szene. Obwohl wir vielleicht unterschiedliche Stücke gespielt haben, die sich hin und wieder, zum Beispiel bei Studienfahrten, überschnitten haben wir das große Finale gemeinsam gemeistert. Dabei verband uns nicht nur die Bühne – unsere Schule, sondern auch viele gemeinsame Erinnerungen, Stichwort: Klassenfahrten, Abistreich
und Mottowoche.

Wir haben nun unsere Dernière, unsere letzte Aufführung, hinter uns. Bevor wir uns unsere nächsten Rollen aussuchen, möchten wir allen applaudieren, die uns bei dieser langjährigen Performance unterstützt haben: Unseren Regisseuren – den Lehrerinnen und Lehrern, unserer Backstage-Crew – den Familien, den Managern, Sponsoren und nicht zuletzt dem Intendanten – Herr Schumacher.
Vielen Dank!

Jetzt, bei der Auswahl unserer nächsten Rollen, können wir zurückgreifen auf das, was wir hier erlebt und gelernt haben. Und wir wollen und dürfen mutig sein, wenn wir neue Rollen ausprobieren. Ab jetzt ist nicht nur Gaienhofen unsere Bühne – sondern die ganze
Welt.

Josephine Brack; Clara Schrijner; Marvin Petersen

Uns wird ja gerne nachgesagt, dass unsere Generation wü rde alles mit ChatGPT machen würde.
Deshalb dachten wir: Fragen wir doch einfach mal nach einer Abschlussrede.
Das Ergebnis war grammatikalisch perfekt.
Sehr strukturiert.
Ziemlich inspirierend.
Und hä tte wahrscheinlich zu jeder beliebigen Schule gepasst.
Unsere Geschichte passt aber nur zu dieser Schule.
Und genau deshalb erzä hlen wir sie heute selbst.

Wir haben lange darüber nachgedacht, was wir sagen sollen. Wie man Worte findet, die sich gleichzeitig wie ein Abschied und wie ein Neuanfang anfühlen. Wie man dreizehn Jahre Schule in Worte fassen soll. Und schnell mussten wir feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Denn für so etwas gibt es keinen Erwartungshorizont, keinen Bildungsplan, kein Arbeitsblatt mit der Überschrift „Das müssen Sie für eine gelungene Abschlussrede können.“, keinen Lehrer, der uns am Rand einen Kommentar schreibt, was wir noch verbessern können. Und leider gibt es auch keine Musterlösung.

Deshalb haben wir beschlossen, nicht darüber nachzudenken, wie eine Abschlussrede aussehen sollte. Sondern darüber, wie unsere Geschichte aussah. Und dafür haben wir unsere Stufe gefragt. Die Frage war ganz einfach – so, wie wir sie auch CHATGPT gestellt hätten – „Was ist eigentlich typisch für unsere Schule und was macht unsere Stufe aus?“
Ja, also die Antworten waren ganz interessant…

Überraschenderweise wurde als Erstes der See genannt.
Erst jetzt, in den letzten Wochen, als plötzlich jedes „zum letzten Mal“ eine Bedeutung bekommen hat, haben viele von uns angefangen, bewusst stehen zu bleiben. Noch einmal den Blick aufs Wasser. Noch einmal den Weg durchs Schloss. Noch einmal dieser Schulhof.
Noch einmal der Schulgong. Denn oft merkt man erst, wie schön etwas war, wenn man weiß, dass es bald vorbei ist.

Dann wurden die Fehltage genannt. Ja. Wir haben manchmal gefehlt. Und wahrscheinlich würden jetzt einige Lehrer zustimmend nicken. Aber ich glaube, dahinter steckt mehr als nur „keine Lust auf Schule“. Die Oberstufe war für viele von uns anstrengend.
Es gab Wochen, in denen Klausuren, Präsentationen, Abgaben und Lernen alles auf einmal kam. Wo man nach Hause kam und wusste: Jetzt geht der Schultag eigentlich erst richtig los. Und manchmal war man einfach müde. Nicht, weil man faul war. Sondern weil alles gleichzeitig kam. Manchmal haben wir Schule geschwänzt, um für die Schule zu lernen. Eigentlich ist das ein Satz, der überhaupt keinen Sinn ergeben dürfte. Und trotzdem beschreibt er die Oberstufenzeit und das Schulsystem erstaunlich gut.

Dann durfte natürlich ein ganz wichtiges Mitglied unserer Stufe nicht fehlen: ChatGPT. Natürlich haben wir CHATGPT benutzt.
Genauso wie Generationen vor uns Google benutzt haben, oder die Generation davor Bücher und Lexika. Aber Zeiten ändern sich eben und wir alle werden an der künstlichen Intelligenz nicht mehr vorbeikommen.

Ein weiteres großes Thema war natürlich das Handyverbot. Ja… Auch wir, die Oberstufe, obwohl viele von uns schon längst volljährig waren. Wir durften Auto fahren, wählen, Verträge unterschreiben. Aber unser Handy in der Pause benutzen… das war dann vielleicht doch etwas zu viel Freiheit. Aber gut… Wir durften uns ja nicht einmal selbst krankmelden.

Außerdem hatten wir offenbar ein etwas… kreatives Verhältnis zu Klausuren. Ich glaube, wir sind tatsächlich der einzige Jahrgang deutschlandweit, der tatsächlich einen Vertrag unterschreiben musste, dass wir nicht mehr spicken. Auch das muss man erst einmal schaffen??? Wenn man all diese Dinge hört, könnte man denken: Ja, genau so ist sie eben, die Generation Z.

Aber wenn wir an unsere Stufe denken, dann fällt uns etwas ganz anderes ein. Nicht unsere Handys. Nicht ChatGPT. Nicht die Fehltage.
Sondern unser unglaublich toller Zusammenhalt.

Liebes BG, wahrscheinlich können sich einige von uns nicht mehr an den ersten Schultag in der 5.Klasse erinnern – unsere Eltern können das aber wahrscheinlich ziemlich gut. Denn die würden sagen „das fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen“.
Und ganz ehrlich, es fühlt es für uns doch auch so an. Wenn wir uns zurück erinnern, als unser Schulranzen wahrscheinlich größer war als wir selbst und wir trotzdem mit Stolz sagen konnten: wir gehören jetzt auch endlich zu den Großen.

In der Eingangsklasse kamen wir alle von unterschiedlichen Schulen. Wir brachten unterschiedliche Wissensstände mit, und viele kannten am ersten Schultag kaum jemanden. Und plötzlich mussten wir zusammen drei Jahre verbringen. Nur wenige Wochen später saßen wir gemeinsam im Bus nach Österreich. Wobei die Busfahrt mindestens genauso lustig war, wie die eigentliche Zeit dort. Und dort war jedem schon klar: hier entwickelt sich etwas ganz Besonderes. Danach hatten wir unzählige Kurse zusammen. Wir sahen uns teilweise länger als die eigene Familie. Wir lernten gemeinsam. Wir verzweifelte gemeinsam. Wir warteten gemeinsam auf Noten, vor denen eigentlich alle Angst hatten. Und irgendwann waren wir nicht nur eine zufällig zusammengewürfelten Stufe, sondern wir waren eine Gemeinschaft, in der jeder jeden kannte.

An der Stelle auch ein dickes Dankeschön an unsere Lehrer. Irgendwann wurden aus Lehrern nicht mehr nur Lehrer, sondern Menschen, die nicht nur auf dumme Fragen immer eine Antwort wussten, sondern sich auch über die Aufsichtspflicht hinaus gut um uns gekümmert haben.

Am Tag des Abistreichs ist Caro und mir dann noch etwas Besonderes passiert. Wir waren gerade am Aufbauen, da hat ein ehemaliger Schüler mit dem Auto angehalten und uns angesprochen. Er hatte vor genau 30 Jahren genau hier sein Abitur gemacht und zufälligerweise hatte an diesem Wochenende sein Jahrgang Klassentreffen in Gaienhofen. Der Gedanke, dass Menschen, die vor dreißig Jahren hier saßen, wo wir heute sitzen, und sich heute immer noch treffen, war für uns bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar.
Sie erzählen sich immer noch die alten Geschichten, lästern über den ein oder anderen Lehrer und lachten noch immer gemeinsam.
Wir wünschen uns, dass wir das auch schaffen, dass wir uns in dreißig Jahren genau hier wieder treffen und wenn wir euch hier alle so sitzen sehen, dann sind wir uns sicher, dass wir mit unserer Gemeinschaft und unserem Zusammenhalt das auch schaffen werden und wir freuen uns heute schon drauf.

Heute endet dieses Kapitel. Und ich glaube wir dürfen stolz sein. Und auch wenn wir uns in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr jeden Morgen im selben Klassenzimmer sehen werden, nehmen wir etwas viel Wertvolleres mit als unser Abiturzeugnis: all die Erfahrungen, die Freundschaften und die Erinnerungen an eine Zeit, die uns geprägt haben. Ich wünsche uns allen, dass wir unseren eigenen Weg finden, neugierig bleiben und uns vielleicht in ein paar Jahren Wiedersehen, wie der Abijahrgang vor 30 Jahren. Heute feiern wir deshalb nicht einfach nur ein Zeugnis. Wir feiern, dass wir an unserem Ziel angekommen sind. Dass wir durchgehalten haben.
Dass wir gemeinsam gewachsen sind. Und vor allem feiern wir, dass wir heute alle hier sitzen und sagen können: Herzlichen Glückwunsch an uns alle – wir haben es geschafft.

Carolin Czioska, Charlotte Zeiher