„Wahrheit und Ehre“
Mittwochsandacht_online

„Schade, dass es Menschen gibt, die Denkmäler beschmutzen müssen.“ Das ist einer der Kommentare auf der Wandzeitung, die derzeit im Foyer am Haupteingang ausliegt. Kurz vor den Osterferien haben Unbekannte das Mahnmal für die deportierten Jüdinnen und Juden in Wangen beschmiert. Im Foyer weisen Bilder und ein kurzer Text darauf hin und Ihr Schüler*innen habt die Möglichkeit, Eure Gedanken dazu auf die Wandzeitung zu schreiben.
Wie das bei solchen Gelegenheiten immer so ist, sind einzelne Beiträge sinnfreier Klamauk. Die weitaus meisten Kommentare drücken aber Betroffenheit aus. Zum Beispiel ist da zu lesen: „Das ist total respektlos!“ „Sowas Gemeines!“ „Gar nicht cool.“ Diese und die meisten anderen Beiträge sind eine gesunde Reaktion auf die Schmierereien. Sie zeigen, dass der moralische Kompass derer, die sie geschrieben haben, intakt ist.
Manche Kommentare fragen, was hinter solchen Schmierereien steckt. „Warum?“ ist zu lesen. Oder auch „Wer macht sowas?“ Wir wissen nicht, wer es war. Der Ortschaftsrat von Wangen hat bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Eine Vermutung ist, dass das Ganze ein Streich von Pubertierenden war und keinen politischen Hintergrund hat. Mag sein. Aber auch in dem Fall treffen die Kommentare zu, die das als „absolut respektlos“ bewerten.
Vielleicht ist die Aktion auch politisch motiviert. Es gibt Menschen, die sich gegen ein Gedenken an die Verbrechen der Nazizeit zur Wehr setzen. Menschen, die nicht daran erinnert werden wollen, dass die Nazis Millionen von Juden ermordet haben. Menschen, die leugnen, dass das geschehen ist.
Ein führender Politiker einer rechtsextremen Partei hat einmal im Zusammenhang mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin von einem „Denkmal der Schande“ gesprochen. Und sein Anliegen ist es, dass ein Schussstrich unter das Erinnern an die Verbrechen der Nazizeit gezogen wird. Die Formulierung „Denkmal der Schande“ ist insofern nicht falsch, als die Shoah und die Verbrechen der Nazizeit schändlich waren. Aber Schande verschwindet nicht, wenn man versucht, sie aus der Erinnerung zu tilgen. Und Ehre wird so nicht wieder hergestellt. Ein solches Denken zeigt, dass diese Menschen nicht begreifen, was Ehre ist. Ein ehrenvoller Umgang mit Schande ist, zu ihr zu stehen und zu zeigen, dass man daraus gelernt hat.
Diejenigen, die fordern, einen Schlussstrich unter das Gedenken an die Nazizeit zu ziehen, malen gerne ein verzerrtes Bild. Sie tun oft so, als würden die Deutschen, die an dem Gedenken festhalten, mit einem Schuldkomplex herumlaufen. Als würden wir uns klein machen und uns ständig dafür schämen, Deutsche zu sein. Das trifft gar nicht zu. Ich lebe gerne in Deutschland und verstecke auch nicht, dass ich Deutscher bin. Ich fiebere bei Sportwettkämpfen mit deutschen Athlet*innen mit. Und wenn Deutschland sich von seiner demokratischen und menschlichen Seite zeigt, dann bin ich sogar ein kleines bisschen stolz darauf, Teil dieses Volkes zu sein.
Aber wenn Deutsche versuchen, die Geschichte zu verbiegen, wenn sie anfangen, Verhaltensmuster aus der Nazizeit zu wiederholen, dann schäme ich mich. Ich bin ein Mitglied des deutschen Volkes, auch wenn ich mir das weder ausgesucht noch verdient habe. Und ich möchte mich nicht dafür schämen müssen, sondern möchte es auch weiterhin gerne sein. Und gerade deshalb bin ich nicht bereit dazu, hinzunehmen, dass die deutsche Geschichte vergessen und Antisemitismus wieder salonfähig wird.
Ehre, die auf einer Lüge aufbaut, ist außerdem ein Widerspruch in sich. Die Begriffe „Ehre“ und „Ehrlichkeit“ hängen nämlich zusammen. Das liegt zum einen in ihrer Sprachgeschichte begründet. Beide gehen auf das althochdeutsche „ēra“ bzw. das mittelhochdeutsche „êre“ zurück, was soviel wie „Ansehen“ oder „Würde“ bedeutet. „Ehrlich“ wurde früher eher im Sinne von „schicklich“ oder „anständig“ verwendet. Der Fokus auf Bedeutungen wie „aufrichtig“ oder „wahrhaftig“ ist eine Frucht der Pädagogik der Aufklärung. Letztlich gehören die verschiedenen Bedeutungsnuancen zusammen: „Ehrenhaft“, „anständig“, „redlich“, „aufrichtig“, „wahrhaftig“ oder eben „ehrlich“. All diese Eigenschaften zeichnen einen Menschen aus, der der Ehre würdig ist.
Und genau so eine aufrechte und ehrliche Haltung trägt dazu bei, dass ich frei durchs Leben gehen kann. Wer krampfhaft versucht, die Wahrheit zu verstecken, der muss ständig auf der Hut sein, dass sie nicht doch irgendwann ans Licht kommt. Das macht unfrei. Wer zur Wahrheit steht, der muss sich nicht verstecken. Das gilt auch und gerade da, wo die Wahrheit schmerzhaft ist. Jesus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) Wer mit sich selbst im Reinen ist, kann auch mit Gott im Reinen sein. Das wünsche ich mir und euch allen.
Arnold Glitsch-Hünnefeld