„Siehe, ich mache alles neu“
Mittwochsandacht_online

Bild: Antonio Zecca (veröff. im Dezember 2025)
Jedes Jahr wird für die christlichen Kirchen in Deutschland eine sogenannte Jahreslosung ausgewählt. Ein kurzer Satz aus der Bibel – fast wie ein Motto oder ein Slogan –, der Christinnen und Christen ein Jahr lang begleiten, Orientierung geben und zum Nachdenken anregen soll. Die Jahreslosung für dieses Jahr lautet: „Siehe, ich mache alles neu!“
Das klingt erst einmal ziemlich harmlos. Fast schon tröstlich. Wenn man genauer hinschaut, merkt man aber: Dieser Satz stammt aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments. Und dort geht es um nichts Geringeres als um die Apokalypse – um das Ende der Welt.
In den Versen vor der Stelle, der die Jahreslosung entstammt, heißt es nämlich: “Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde (Offb 21,1). Aber gleichzeitig auch: „[D]enn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr.” (Offb 21,1).
Ein Neuanfang also – aber kein sanfter. Es geht in der Offenbarung zum einen um das, was da kommen wir und zum anderen um einen einschneidenden Eingriff von außen, der alles Alte hinfort wischt, damit etwas Neues entstehen kann.
Schauen wir uns unsere Welt an, wirkt das erschreckend aktuell. Fast täglich begegnen uns Bilder, die man durchaus apokalyptisch nennen könnte. Bilder, die Eingriffe zeigen, die unsere Welt drastisch umformen.
Im vergangenen Jahr haben wieder extreme Naturereignisse – Erdbeben, Überschwemmungen, Waldbrände – ganze Regionen zerstört und unbewohnbar gemacht. Kriege, die schon viel zu lange dauern, haben erneut unzählige Leben gekostet oder diese für immer umgekrempelt.
Populistische Parolen hetzten ganze Gesellschaftsgruppen gegeneinander auf und kurzsichtige Einwanderungspolitik riss ganze Familien auseinander und schürte Wut bei Betroffenen und Beobachtenden zugleich. Und seit Neustem lassen uns moderne Kanonenbootpolitik und Alleingänge von Freunden, am Fortbestand international gültiger Werte und Ordnungen zweifeln.
Wenn man all das sieht, ist fühlt man sich schnell: überfordert, hilflos, ohnmächtig, fremdbestimmt. Es fallen schnell Sätze, wie:
„Ich alleine kann daran doch eh nichts ändern.“
„Meine Stimme wird sowieso nicht gehört.“
„Vielleicht halte ich mich besser raus.“
Das sind verständliche Reaktionen. Ehrliche Reaktionen. Aber genau hier wird die Jahreslosung wieder interessant. Denn auch die Offenbarung richtet sich an Menschen, die das Gefühl hatten: Unsere Welt steht vor dem Abgrund.
Und damals wie heute will diese Botschaft Hoffnung geben – Hoffnung darauf, dass die vermeintliche Apokalypse nicht einfach Zerstörung und Untergang bedeutet, sondern vielmehr ein Enthüllen dessen, was man vorher nicht klar sehen konnte oder eine (positive) Verwandlung/Transformation des Bestehenden.
Nun könnte man denken: Dann warten wir einfach ab. Gott wird schon eingreifen. Vielleicht schickt er jemanden, der alles wieder in Ordnung bringt.
Hoffnung zu haben und Abzuwarten kann wichtig sein – im Advent bspw. erwarten wir freudig die Geburt des Erlösers. Aber Hoffnung allein reicht nicht immer aus. Denn Hoffnung ohne Handeln fühlt sich vielleicht gut an – verändert aber wenig.
Wenn Gott sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“ dann ist das kein Aufruf zur Untätigkeit. Kein „Lehnt euch zurück“. Man kann diesen Satz auch anders verstehen – man nimmt sich Gott zum moralischen Vorbild und versteht diese Worte:
Als Einladung, selbst mitzuwirken. Als Auftrag, mitzuschöpfen. Als Aufforderung, nicht nur zuzuschauen, sondern aktiv zu werden.
Nicht, um alles Alte zu zerstören – sondern um Neues entstehen zu lassen. Denn als Gottes Ebenbilder sind auch wir berufen, eine bessere Welt zu erschaffen und Verantwortung zu tragen. Aber nicht jeder/jede von uns muss sofort den Klimawandel stoppen oder den Weltfrieden herstellen. Oft begegnen uns Dinge, die nicht in Ordnung sind, eher im Kleinen – im Alltag. Unschöne Worte eines Freundes, Ausgrenzung einer Klassenkameradin, das Gefühl fehlender Unterstützung, wenn wir sie am meisten brauchen (z.B. bei Konflikten mit Freunden, in der Familie, oder in der Schule). Situationen, in denen jemand nicht gehört wird. Vielleicht auch ihr selbst.
Genau dort können wir anfangen, Neues zu schaffen. Indem wir den Mund aufmachen, wenn Unrecht passiert. Indem wir einander unterstützen. Indem wir füreinander da sind.
Vielleicht könnt ihr euch am Ende eines jeden Tages fragen: Was habe ich heute für jemand anderen getan?
Etwas Mutiges? Etwas Gutes? Etwas, das nicht nur mir selbst zugute kam?
So entsteht Veränderung. Schritt für Schritt. Gemeinsam. „Siehe, ich mache alles neu!“ – sagt Gott. Und wir können hinzufügen: Siehe, wir machen mit.
Amen.
(Dr. Daniel Schumacher)