Andachten als Form der Seelsorge
Mittwochsandacht_online

Im Gottesdienst am vergangenen Sonntag hier in der Melanchthonkirche haben sich die neuen Konfirmand*innen vorgestellt. Es ist für die Höri eine beeindruckend große Gruppe von 19 Jugendlichen. Und beeindruckend war auch die Offenheit und die Souveränität, mit der sie der Gemeinde vorgestellt haben.
Dabei hätte es in diesem Jahr beinahe keinen Konfijahrgang in unserer Gemeinde gegeben, weil Pfr. Klaus am Sonntag in den Ruhestand verabschiedet wird. Aber wir haben einen neuen Pfarrer: Johannes Karker. Und der hat bereits diesen Monat seinen Dienst angetreten, so dass der Konfikurs eben doch stattfinden kann. Das freut mich. Und gut gefallen hat mir auch seine Predigt im Gottesdienst am Sonntag.
Eingestiegen ist er mit einem Bild, das er der Gemeinde gezeigt hat. Es zeigt eine Detailaufnahme von einem Baumstamm. Die Struktur der Rinde ist gut zu erkennen. Mehr zeigt das Bild nicht. Den ganzen Baum, ob er Früchte trägt oder nicht und alles weitere muss man sich vorstellen. Das ist ein Beispiel dafür, dass durch eine bestimmte Sichtweise Manches aus dem Blick geraten kann. Ein anderes Beispiel, das Pfr. Karker genannt hat, war, dass in der routinierten Wahrnehmung des Gewohnten das Besondere aus dem Blick geraten kann. Ich habe mir gedacht, dass auch das Umgekehrte möglich ist: Wenn Menschen etwas Fremdes wahrnehmen, kann es sein, dass sie das Fremde so irritiert, dass sie das Wesentliche gar nicht erkennen können.
Ich habe mich gefragt, ob das eine oder andere vielleicht auch auf die Mittwochsandachten zutrifft. Einerseits sind die Andachten ein für eine Schule eher ungewöhnliches Format. Und wer von Euch mit Glauben und Kirche nicht so viel am Hut hat, wird davon vielleicht irritiert sein und innerlich eine Abwehrhaltung einnehmen. Andererseits sind die Andachten eine Pflichtveranstaltung, die Woche für Woche stattfindet. Das könnte dazu führen, dass manche von Euch sie routiniert über sich ergehen lassen, ohne allzu viel vom Inhalt mitzubekommen.
Das wäre allerdings schade. Denn wenn Ihr die Zeit nun schon einmal aufbringen müsst, könnt Ihr sie ja auch nutzen. Oder mit einem Bibelwort aus dem Hebräerbrief: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ Das ist wahrscheinlich erklärungsbedürftig. Mit der Stimme ist die Stimme Gottes gemeint. Und „sein Herz verstocken“ heißt, dass man innerlich abwehrt, was einem gesagt wird. Also eine Art aktives Weghören. Erinnert wird in der Bibelstelle an das Volk Israel, das beim Durchzug durch die Wüste die Worte Gottes nicht hören wollte, die Mose ihm auszurichten hatte.
Nun sei einmal dahingestellt, ob in den Andachten immer die Stimme Gottes erklingt. Erstmal sind es die Stimmen der gestaltenden Klassen oder Kolleg*innen oder eben meine Stimme. Darin kann sich die Stimme Gottes zu Gehör bringen, aber das haben wir nicht in der Hand. Und zumindest, was meine Andachten angeht, ist mir klar, dass die mal mehr und mal weniger gelungen sind. Aber auch eine weniger gelungene Andacht muss keine vergeudete Zeit sein. Ich nehme auch aus mancher Predigt, die ich nicht so gelungen finde, Anregungen mit, die in den folgenden Tagen und Wochen Früchte tragen. Vielleicht, weil ich die Dinge ganz anders sehe.
Unabhängig davon sehe ich in den Andachten eine ganze Reihe von Chancen. Gerade dass sie ein für den Schulalltag ungewohntes, manchen von Euch vielleicht fremdes Format sind, kann so eine Chance sein. Die Andachten sind eine kleine Auszeit im Wochenalltag. Die Kirche als Raum und die Musik geben ihnen einen besonderen Rahmen. Die Seele kann sich darauf einlassen und Atmosphäre und Inhalt einfach in sich aufnehmen. So können die Andachten ein Stück Seelsorge sein.
Der zeitliche Rahmen der Andachten ist zwar begrenzt und es hat sich auch eine Normalform etabliert, nach der viele Andachten gestaltet sind. Zugleich bieten die Andachten aber auch die Möglichkeit, vom Gewohnten abzuweichen und Neues auszuprobieren. Dabei ist mehr möglich, als man vielleicht erst mal denkt. Das mag die Musik sein, die zu Gehör gebracht wird. Oder Filmschnipsel mit Interviews, wie sie manche Klassen schon eingesetzt haben. Überhaupt habe ich viele Andachten von Klassen oder Kursen erlebt, die mich sehr angesprochen haben.
Natürlich gibt es inhaltliche Schnittmengen zwischen den Andachten und dem Reli-Unterricht. In beiden geht es um die großen Fragen des Glaubens und des Lebens. Aber die Andachten sind nicht durch die Vorgaben eines Bildungsplans beschränkt. Was Euch interessiert, könnt Ihr in Euren Andachten zum Thema machen. Und Ihr könnt auch Ideen und Wünsche an mich herantragen, was Ihr gerne mal in einer Andacht hättet.
So sind die Andachten Gelegenheiten, sich mal mit Themen zu befassen, die über die Unterrichtsinhalte hinausgehen. Sie bieten die Möglichkeit, neue Perspektiven einzunehmen und das große Ganze in den Blick zu nehmen. Sie können dazu anregen, über das eigene Leben nachzudenken – selbst dann, wenn das Gesagte fremd oder wenig überzeugend sein sollte. Und vielleicht kommt in ihnen im Gesagten und Gesungenen Gottes Stimme zum Tragen.
Den Adressaten des Hebräerbriefs ist übrigens Ruhe zugesagt, wenn sie auf die Stimme Gottes hören. Vielleicht gelingt es ja, dass die Andachten für Euch eine Form der Seelsorge sind, wenn Ihr Euch darauf einlasst. Ich wünsche es Euch.
Arnold Glitsch-Hünnefeld