Predigt über 2.Tim 1,7-10, Einführungsgottesdienst Schloss Gaienhofen, 25.09.2026
Schriftlesung: 2. Tim 1,7-10 (Lilje)
… 7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium…
Einführung (Glitsch-Hünnefeld)
Wir haben Worte aus dem 2. Timotheusbrief gehört. Es ist der Predigttext für diese Woche, die 16. nach dem Sonntag Trinitatis, und er erscheint uns passend für den heutigen Anlass. Zumindest beim zweiten Hinsehen. Beim ersten Hinsehen können die zwei Timotheusbriefe das eine oder andere Stirnrunzeln auslösen. An einigen Stellen klingt ein erhobener Zeigefinger durch, den wir an der Schule hoffentlich überwunden haben.
Außerdem wurde der Brief wohl nicht von Paulus selbst, sondern von einem seiner Schüler verfasst. Sich die Autorität des Meisters anzueignen, war in der Antike aber durchaus nicht unüblich. Wir bleiben deshalb bei der Fiktion des Briefs: Paulus, der selbst gerade in Rom in Gefangenschaft sitzt, schreibt an seinen Mitarbeiter Timotheus, der sich in Ephesus aufhält. Obwohl dieser noch jung ist, hat Paulus ihm Leitungsaufgaben in der Gemeinde übertragen, z.B. die Gemeinde im Glauben zu lehren. Der Brief enthält also vordergründig Anweisungen für eine Leitungsperson, richtet sich aber zwischen den Zeilen an die ganze Gemeinde.
Schuldekan Martin Lilje und ich haben uns überlegt, wie es wäre, wenn dieser Brief heute geschrieben und auf die Schulgemeinde von Gaienhofen bezogen wäre. Paulus könnte für eine überregionale geistliche Leitungsperson stehen, z.B. den Schuldekan. Und Timotheus für einen Geistlichen vor Ort, z.B. den Schulpfarrer. Was könnte der moderne Timotheus auf die gehörten Zeilen aus dem Brief antworten?
Brief 1: „Timotheus“ an „Paulus“
Lieber Paulus!
Vielen Dank für Deinen Brief und Deine rege Anteilnahme am Leben unserer Schulgemeinde. Keine Sorge: Wir schämen uns hier des Evangeliums nicht. Es ist für uns ein prägender Bestandteil unserer Identität. Dein Gedanke, dass Gott uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat, ist dazu eine schöne Ermutigung. Aber wie kommst Du auf die Idee, wir könnten einen „Geist der Furcht“ bei uns haben? Wir blicken gerade sehr zuversichtlich auf das, was kommt.
Du schreibst, dass Berufung nicht darauf beruht, was jemand kann und leistet. Also wir haben schon genau überlegt, wen wir für die Leitung unserer Schule berufen. Was für Qualifikationen die beiden mitbringen und ob sie für die Aufgabe geeignet sind. Es gab ein Berufungsverfahren, wo sie vor verschiedenen Gremien dargestellt haben, was sie können. Da haben wir sie schon ein bisschen herausgefordert.
Vor allem hatten sie jetzt ungefähr ein Schuljahr Zeit, sich unter Realbedingungen zu beweisen. Und dabei haben sie uns voll und ganz überzeugt. Sie arbeiten miteinander als gutes Team und sind auch darüber hinaus teamfähig. Sie verbinden Struktur und Klarheit mit Wertschätzung für Mitarbeitende und Schüler*innen. Das schätzen auch wir wert.
Du siehst: Wir blicken optimistisch nach vorn und sind davon überzeugt, dass gute Jahre vor uns liegen.
Mit den besten Wünschen und Grüßen
Dein Timotheus
Brief 2: „Paulus“ an „Timotheus“
Lieber Timotheus,
danke für deine Zeilen. Dass ihr euch hier in Gaienhofen des Evangeliums nicht schämt, weiß ich.Das ist wunderbar.
Ihr seid Evangelische Schule und das lebt ihr seit 80 Jahren. Respekt!!
Ihr haltet den Markenkern eurer Schule hoch, ihr macht euch Gedanken über das Evangelische Profil. Das unterscheidet euch von fast allen anderen Schulen im Landkreis.
Ich liebe die Gottesdienstkultur und die Mittwochsandachten, an denen ich ganz gelegentlich, wenn es meine Reisepläne zulassen, teilnehmen kann.
Aber auch eine evangelische Schule ist ja kein Selbstläufer. Auch als evangelische Schule steht ihr in der Welt.
Manchmal verstopfen Abflussrohre und ihr müsst ewig lange suchen, bis das Leck entdeckt wird und behoben werden kann.
Ihr braucht mobile Daten – und zapft manchmal welche bei den Schweizern ab, weil der Schienerberg zu hoch ist für die heimischen Sendemasten.
Ihr ringt darum, wie ihr den unterschiedlichen Altersgruppen in der außerunterrichtlichen Zeit gerecht werden könnt. Manchmal bewährt sich ein Vorschlag, manchmal muss man auch gute Ideen beerdigen.
Ihr wollt gerne bei den Info-Abenden für die Schulen der Region mitmachen und für eure Schule werben. Ich höre von Konkurrenz und Misstrauen. Da reicht es nicht, als Evangelische Schule fromm zu erscheinen, da muss man einfach auch geschickt sein.
Ihr seid bei aller Selbstständigkeit – zumal an diesem entlegenen Ort auf der Höri – gleichzeitig an die Vorgaben des RP gebunden und ihr unterliegt der Aufsicht durch die Schulstiftung.
Ihr seid mit all Euren Schülerinnen und Schülern – und mit allen anderen, die in dieser Schule eine Rolle spielen – in einer Zeit unterwegs, die von politischen Verwerfungen gekennzeichnet ist.
Ihr habt erlebt, welche katastrophalen Auswirkungen die Veränderung des Klimas haben: der Damm zwischen Radolfzell und hier hat sein markantes Gesicht verloren.
Darum ermutige euch ausdrücklich. Verzagt nicht. Stimmt nicht ein in den Chor der Schwarzmaler. Seid getrost.
Ihr, die ihr in der Schule Verantwortung tragt in der Leitung, im Lehrerzimmer und im Schulpfarramt.
Seid getrost und lebt – und lehrt – weiter zuversichtlich.
Ich höre aus der Ferne so viel Gutes – das Einvernehmen der Gremien im Schulausschuss, das Engagement der SV, der freundliche Umgangston auf dem Campus, … Ihr seid unter der Gnade Gottes unterwegs – Gott schenkt euch seine liebevolle Zuwendung ohne Vorbedingung.
Macht euch dabei immer klar: Ihr seid mehr wert als alles, was hier hinkriegt. Und ihr seid auch immer noch etwas wert, wenn ihr Dinge nicht hinkriegt. Definiert euch nicht nur über eure Leistungen. Geht gnädig mit euch selbst und miteinander um. Ihr seid „Heilige“.
Herzliche Grüße,
Paulus
Brief 3: „Timotheus“ an „Paulus“
Lieber Paulus!
Vielen Dank für Deine wertschätzenden Worte. Es tut gut, so wahrgenommen zu werden. Und es tut uns gut, dass Du uns zugleich daran erinnerst, dass wir uns nicht nur über unsere Leistungen definieren sollen. Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, was Du in Deinem ersten Brief damit gemeint hat, dass wir nicht nach unseren Werken berufen sind. Kompetenz und Leistung sind wichtig, aber wir dürfen auch Fehler machen. Das gilt auch und gerade für unsere neue Schulleitung. Wenn wir erkennen, dass wir von Gott ohne Vorbedingungen angenommen sind, dann brauchen wir uns nicht zu überfordern. Weder uns selbst noch uns einander. Fehlertoleranz macht uns als Schulgemeinschaft stärker und zugleich menschlicher. Und als Ausdruck von Gottes Liebe ist sie zugleich ein wichtiger Teil unseres christlichen Profils.
Das würdigst Du in Deinem Brief ja besonders. Zur Gottesdienstkultur und zu den Andachten gehört die Kirchenmusik unbedingt dazu. Deshalb freut es mich, dass wir eine Nachfolgerin für unseren langjährigen Schulkantor gefunden haben. Und auch hier gilt: Sie soll die Freiheit haben, sich auszuprobieren und eigene Akzente zu setzen. Nach den ersten Kontakten mit und den ersten Eindrücken von ihr bin ich auch da zuversichtlich. Die Musik und die Chöre werden ein wunderschöner Teil unseres Schullebens bleiben. Auch der neuen Kantorin ist der Geist zugesagt und gegeben, der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Von dem leben wir alle – Leitende, Lehrende und Lernende. Und eigentlich ist das gar nicht voneinander zu trennen: Auch Leitende und Lehrende sind Lernende, auch Lernende wirken an der Leitung mit und so ließe sich das noch weiter durchspielen. Wir haben verschiedene Aufgaben, aber wir sind eins im Geist Gottes und wirken gemeinsam durch ihn.
Deshalb beschränkt sich der Gottesdienst auch nicht nur auf Andachten und andere Feiern in der Kirche. Unser ganzes Leben ist Gottesdienst. Gottes Dienst an uns und unser Dienst an Gott. Diesen Gedanken versuchen wir in unserem christlichen Profil mit Leben zu füllen. Dank sei Gott für seine Gegenwart, Zuwendung und Leitung.
Es grüßt Dich herzlich
Timotheus
Brief 4: „Paulus“ an „Timotheus“
Lieber Timotheus,
hab Dank für deine Umsicht mit den Menschen, die dir anvertraut sind. Ich muss mich kurz fassen, damit mein Brief rechtzeitig an dich abgeht.
Ich grüße dich und deine Gemeinde heute in aller Herzlichkeit. Seid gesegnet an den Ufern des großen Gewässers.
All euer Tun geschehe
- Euch zur Freude
- Den Menschen zum Nutzen
- Und Gott zur Ehre.
Amen.