Life-Life Balance
Mittwochsandacht_online

In vielen Ratgebern für ein gelingendes Leben ist von „Work-Life-Balance" die Rede. Damit ist gemeint, dass man darauf achten soll, dass Arbeit und Freizeit in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Das Anliegen finde ich richtig, den Begriff aber fragwürdig. Durch ihn werden work und life als Pole einander gegenübergestellt. Wenn man das weiterdenkt, würde das bedeuten, dass Arbeit kein Leben ist.
Das halte ich für falsch. Richtig ist, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht und die Arbeit das Leben nicht komplett dominieren sollte. Aber Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Und das nicht nur, weil man als erwachsener Mensch seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Ich empfinde meine Arbeit als sinnstiftend. Es ist mir ein inneres Anliegen, etwas Sinnvolles zu tun und meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Und meistens macht mir die Arbeit sogar Spaß. Nicht immer, das will ich offen zugeben. Aber in der Regel komme ich gerne hierher auf den Campus und mit Euch und meinen Kolleg*innen in Kontakt. Ich hoffe, dass auch Ihr erlebt, dass Schule Spaß machen kann.
Gerade habt Ihr die verschiedenen AG's für dieses Schuljahr vorgestellt bekommen. AG's liegen auf der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Es handelt sich dabei um Freizeit, die Ihr freiwillig im Schulkontext verbringt. Bei Einzelnen mögen die Eltern im Hintergrund motivierend wirken, aber Viele kommen, weil sie Lust dazu haben. Grundsätzlich jedenfalls. Je nach Tagesform ist die Lust vielleicht nicht immer gleich stark ausgeprägt, aber eine gewisse Verbindlichkeit will auch eingeübt werden.
Ihr wisst und habt gerade wieder gehört, dass es ganz verschiedene AGs gibt. Verschiedene Begabungen und Interessen werden angesprochen. Es gibt sportliche oder musische Aktivitäten, Angebote, bei denen Eure Kreativität oder Euer soziales Engagement gefragt ist oder auch klassische Bildungsangebote wie z.B. Sprachkurse. Vielleicht habt Ihr Lust, verschiedene Seiten von Euch auszuprobieren. Vielleicht interessieren Euch mehr AGs, als Ihr in Eurer Wochenzeit gut unterbringen könnt. Da heißt es dann, die richtige Auswahl zu treffen. Auch bei den AGs gilt es, sich nicht zu überfordern.
Seine Zeit sinnvoll zu verteilen, betrifft mehr Bereiche als Arbeit oder Freizeit. Denn das Leben besteht aus mehr als aus diesen beiden Polen. Ich würde deshalb statt von einer „Work-Life-Balance" von einer „Life-Life-Balance" reden. Es gilt, die verschiedenen Facetten des Lebens so auszubalancieren, dass sie in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Es gilt seine Lebenszeit weder mit zu viel Aktivität zu überfrachten noch sie träge davonfließen zu lassen.
Im biblischen Buch Qohelet gibt es einen Text, der das zum Ausdruck bringt. Ich lese Auszüge daraus vor: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit." (Qoh 3,1-8*)
Angewendet auf die Überlegungen von vorher, könnte das so klingen: Sich anstrengen hat seine Zeit; ruhen hat seine Zeit; Gemeinschaft pflegen hat seine Zeit; für sich sein hat seine Zeit; Schule hat ihre Zeit; Hobbys haben ihre Zeit; Kraft verschenken hat seine Zeit; Kraft tanken hat seine Zeit. Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen, aber das Prinzip ist klar, denke ich.
Unklar ist möglicherweise, woher die Maßstäbe für eine gelungene Aufteilung genommen werden sollen. Mein erster Gedanke ist, dass es die eine gelungene Aufteilung nicht gibt. Es gibt einen Spielraum von gelungenen Zeitaufteilungen. Es gilt, in sich hineinzuhören und sich mit Vertrauenspersonen auszutauschen.
Und vielleicht hilft auch das Vertrauen, dass Gott uns bei dieser Aufgabe zur Seite steht. An einer anderen Stelle in der Bibel heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen." (Ps 31,16) Mir hilft es, dass ich mir regelmäßig Zeit für Gott und das Gebet nehme. Dabei löst sich mancher Druck. Manches, was mich überfordert, wird ins richtige Licht gerückt und ins richtige Verhältnis gesetzt. Ich merke, dass ich es bewältigen oder vielleicht auch loslassen kann. Für mich ist das Gebet ein wesentlicher Bestandteil meiner Life-Life-Balance.
Ein gutes Händchen für die Life-Life-Balance wünsche ich auch Euch. Am Beginn eines Schuljahres gibt es viel neu auszubalancieren. Dazu wünsche ich Euch Weisheit und Gottes Beistand.
Arnold Glitsch-Hünnefeld