Geteilte Träume
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Das Misereor-Hungertuch 2025 „Gemeinsam träumen -Liebe sei Tat“ von Konstanze Trommer (c) Misereor
Hochsommerliche Temperaturen. Die Ferien kommen allmählich in Sichtweite. Auf meinem Schreibtisch liegt seit einiger Zeit ein Bild, das gut zu dieser Atmosphäre passt und das ich heute mit Euch teilen will. Dabei schildere ich Euch erstmal meine eigenen Eindrücke, in die noch keine Informationen zum Hintergrund des Bildes eingeflossen sind.
Auf den ersten Blick sehe ich ein Urlaubsszenario. Menschen kühlen sich am Wasser ab. Bei der Hitze in diesen Tagen finde ich das ziemlich attraktiv. Das Schlauchboot könnte auch auf dem Untersee sein. Die zwei Kinder auf dem Boot sehen einander in die Augen; das ältere Mädchen lächelt dem jüngeren zu; das jüngere ist mit Schwimmflügeln geschützt
Nehmen sie wahr, was um sie herum vor sich geht? Der Lemur, der mit dem Jungen im Wasser spielt? Die Delfine, die auf das Boot zuschwimmen? Beides passt zur vordergründig fröhlichen Urlaubsstimmung.
Ganz verschiedene Menschen sind abgebildet. Menschen mit einem westeuropäisch anmutenden Äußeren und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Was sie verbindet, ist, dass es alles Kinder sind. Ein Junge spritzt mit Wasser herum. Zwei Kinder spülen Campinggeschirr. Sie helfen einander. Ein hellhäutiges Kind hört aufmerksam zu, was das Mädchen im Zelteingang zu sagen hat. Trotz des erhobenen Zeigefingers wirkt dieses freundlich. Immer noch könnte das Bild ein geteilter Urlaubstraum von Kindern aus aller Herren Ländern sein.
Aber dann fallen mir Details auf, die diese entspannte Atmosphäre irritieren. Ein Kind trägt ein Baby auf dem Arm. Beide wirken alles andere als froh. Links im Hintergrund lauern Haie. Rechts im Hintergrund braut sich ein Tornado zusammen. Am Himmel kreist ein Rettungshubschrauber. Mit einem Mal ist das Meer nicht mehr nur ein Urlaubsparadies, sondern bedrohlich. Und der Streifen Land, auf dem das Zelt steht und die Kinder sind, ist nicht mehr als eine schmale Sandbank. Eher ein Alptraum als ein Urlaubstraum?
Mir fallen andere Schlauchboote auf dem Mittelmeer ein. Menschen, die eine lebensgefährliche Route auf sich nehmen. Jedes Jahr sterben Tausende von Flüchtlingen auf ihrem Weg über das Mittelmeer. Ihr Traumziel ist Europa. Diese Menschen haben allerdings bescheidenere Träume als ein Urlaubsparadies. Sie kommen, um ein Leben in Frieden und Sicherheit zu finden. Nehmen wir sie auf oder stoßen wir sie zurück auf ihre gefährliche Route? Oder schicken wir sie zurück in ihre Herkunftsländer, in denen sie keine Perspektive mehr haben?
Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass das bedrohliche Meer im Hintergrund nur ein Wandgemälde ist. Es ist offenbar um das Zelt herum gemalt. Da, wo das Zelt etwas verrutscht ist, wird die ursprünglich gelbe Wand sichtbar. Der Junge links, der sich gerade nach einem Kanister bückt, stützt sich mit der linken Hand an der Wand ab. Die beiden rechts betrachten den Tornado deshalb so entspannt, weil er nur ein Gemälde ist. Die Kinder auf dem Bild scheinen in Sicherheit zu sein.
Sind die Geflüchteten in Sicherheit angekommen? Am Ziel ihrer Träume? Oder befinden sie sich an einer Zwischenstation? Ist noch nicht klar, wie es für sie weitergeht? Steht das Zelt für ein Flüchtlingscamp und die oft menschenunwürdigen Zustände dort? Das wäre definitiv ein Alptraum.
Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, ein paar Hintergrundinformationen zu dem Bild zu ergänzen. Es handelt sich um das Hungertuch zur Fastenaktion des katholischen Hilfswerks Misereor. Gestaltet wurde es von der Künstlerin Konstanze Trommer. Es trägt den Titel „Gemeinsam Träumen – Liebe sei Tat". Den Bildern der Kinder liegen echte Fotografien zu Grunde. Die beiden Kinder im Schlauchboot sind die Enkelinnen der Künstlerin. Die anderen Kinder hat die Künstlerin auf Bildern von Misereor gefunden. Bildern von Projekten in Afrika, Lateinamerika und Asien.
Der gelbe Streifen am oberen Rand des Zeltes ist aus Blattgold. Er verweist auf Gott. Das Zelt spielt auf das heilige Zelt an, das die Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste für Gott mitgeführt haben. Ein Zelt der Begegnung – der Begegnung mit Gott und der Begegnung untereinander. Die Kinder auf dem Bild fragen einander nicht: „Woher kommst du?", sondern „Wohin gehen wir gemeinsam?" An drei Rändern des Bildes taucht das Blattgold wieder auf. Eine Andeutung des Kreuzes Christi.
Zurück zu meinen Eindrücken: Mir fällt auch auf, dass das Bild geteilt ist. Und das gleich mehrfach. Da ist die Teilung in den Vordergrund mit den Kindern und den bedrohlichen Hintergrund als Wandgemälde. Darüber hinaus ist das Bild ein Triptychon. Es besteht aus drei Bildern. Die Kinder sind auf verschiedene Abschnitte verteilt. Mir fällt auf, dass „Teilen" doppeldeutig ist. Werden die Kinder auf dem Bild geteilt? Vielleicht durch ihre unterschiedliche Herkunft? Teilen wir Menschen uns untereinander auf? Lassen wir uns in Völker, „Rassen", Gruppen oder Grüppchen teilen?
Oder teilen wir miteinander? Teilen die Menschen, die nach ihrer Flucht bei uns ankommen, unser Leben? Teilen wir es mit ihnen? Teilen wir unsere Träume und lassen auch andere Menschen daran Anteil haben?
Wie gehen wir mit geflüchteten Menschen um? Die Entscheidung über die großen Linien der Flüchtlingspolitik haben wir nicht in der Hand. Aber wir können Einfluss nehmen auf die Stimmung in unserem Umfeld. Es liegt an uns, wie wir mit Menschen umgehen, die uns fremd sind. Hier bei uns an der Schule. Bei Begegnungen im Ort, am See oder im Urlaub. Es liegt an uns, ob wir Interesse an fremden Menschen zeigen. Ob wir uns mit ihnen über ihre und unsere Träume austauschen. Ob wir unsere Träume teilen.
Das angedeutete Kreuz auf dem Bild erinnert mich daran: Auf einem solchen Teilen liegt der Segen Gottes. Jesus hat einmal gesagt: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen." Wo wir Menschen gastfreundlich aufnehmen, teilen wir nicht nur unsere Träume, sondern den Geist Jesu, der dann mitten unter uns ist.
Arnold Glitsch-Hünnefeld