Reben am Weinstock
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„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5) Dieser Satz Jesu ist ein Teil des Predigttextes für diese Woche. Eines der „Ich-bin“-Worte Jesu, mit denen er im Johannesevangelium veranschaulicht, wer er ist und wie sein Verhältnis zu den Menschen aussieht. Es ist ein Bild, das mich unmittelbar anspricht. Kein Wunder: Ich war zwölf Jahre lang Gemeindepfarrer in einem Winzerdorf.
Mit einer Metapher haben wir es zu tun. Jesus hat gerne Metaphern verwendet und in Gleichnissen gesprochen. Im Reli-Unterricht ist das immer wieder Thema. Ein Grund ist sicher, dass Bildworte anschaulicher sind als abstrakte Erklärungen. Wir sind im Unterricht aber auch zu der Erkenntnis gelangt, dass Metaphern und Gleichnisse in der Regel keine eindeutige Bedeutung haben, dass man die Bilder nicht zu buchstäblich auslegen und damit überstrapazieren sollte, sondern dass sie eher eine Vielfalt von Assoziationen auslösen und zum Nachdenken anregen können. Ich will im Folgenden mal verschiedene Assoziationen zum Bild vom Weinstock und den Reben durchspielen.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Ein Bild, das auch nach 2000 Jahren und in unserer Lebenswelt noch anschaulich ist. Am Ortsausgang von Gaienhofen gibt es ein paar wenige Weinstöcke. Gar nicht so viel weiter weg gibt es ausgedehntere Reblandschaften. Kulturlandschaften, die bei vielen Menschen gute Gefühle auslösen. Erst recht, wenn man ein Freund ihrer Früchte ist: Tafeltrauben, Traubensaft oder eben Wein. Wein ist für viele Menschen ein Symbol für Genuss. Es geht in dem Bild also nicht um Askese. Ich sehe mich an einem Sommerabend auf dem Balkon mit einem guten Glas Wein in der Hand. Aber halt: In dem Bild geht es nicht um meinen Genuss, sondern die Leser*innen – mich eingeschlossen – werden mit der Pflanze identifiziert.
Also nochmal: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Vor meinem inneren Auge entfaltet sich eine Vielfalt von Rebsorten: Rot oder weiß, kompakt oder lockerbeerig, Gutedel, Grauburgunder, Riesling, Spätburgunder, Bordeaux, Tempranillo, Primitivo und und und. So vielfältig sind auch die Menschen. Aber halt: Es heißt nicht: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Trauben.“ Die Reben sind die Zweige, die aus dem Rebstock herauswachsen und an denen dann die Trauben wachsen. Die Zweige der verschiedenen Sorten sehen gar nicht so unterschiedlich aus. Aber sie bringen eben ganz unterschiedliche Früchte hervor. So wie wir unterschiedlichen Menschen. Das ist ein ungeheurer Reichtum. Aber nochmal halt: Es passt immer noch nicht. An einem Weinstock wächst immer nur eine Rebsorte. Sind also die Früchte der Menschen, die zum Weinstock Jesus Christus gehören alle gleich? Wie langweilig! Ich denke, auf diese Weise wäre das Bild zu buchstäblich ausgelegt.
Also nochmal: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Die Verbindung zum Weinstock ist essenziell für das Gedeihen und Fruchtbringen der Rebe. Ab und zu passiert es, dass im Sommer eine Rebe versehentlich von Weinstock abgetrennt wird. Die hängt dann noch in den Rebdrähten, aber was an Blättern und Früchten schon da war, verdorrt. Im ganzen Predigttext geht Jesus mehrfach darauf ein, dass Reben, die keine Frucht bringen weggeschnitten werden, und Reben, die keine Verbindung zum Weinstock haben, verdorren. Das finde ich kein besonders ermutigendes Bild. Und wenn man sich anschaut, wie der Weinbau funktioniert, stellt man fest, dass in Wirklichkeit kaum eine Rebe dauerhaft im Weinstock bleibt. Zum Winter hin werden bis auf zwei alle Reben weggeschnitten. Das würde bedeuten, dass kaum ein Mensch in Verbindung mit Jesus bleiben kann. Ich denke, auch das ist eine zu buchstäbliche Auslegung des Bildes. Vielleicht geht es nicht so sehr darum, wer nicht am Weinstock bleibt, sondern mehr darum, was die Verbindung mit dem Weinstock für mich bedeutet.
Also nochmal: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Der Weinstock stellt die Verbindung der Reben zum Boden und zum Grundwasser her. Deshalb ist diese Verbindung unverzichtbar dafür, dass die Rebe leben und Frucht bringen kann. Die Art des Bodens ist darüber hinaus von Bedeutung für die Qualität des Weines. Wenn Jesus der Weinstock ist, ist Gott der Boden. Eine bessere Bodenqualität kann es gar nicht geben.
Aber noch weitere Einflussfaktoren sind für die Qualität des Weins von Bedeutung. Die Sonne. Davon, wieviel Sonne die Trauben am Ende des Reifungsprozesses abbekommen, hängt der Öchslegrad, also der Zuckergehalt der Trauben ab. Wird es ein Qualitätswein, ein Kabinett oder eine Spätlese? Das Können des Kellermeisters spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Und manche Weine bekommen ihre besondere Qualität durch Ertragsreduzierung. Ein Teil der Trauben wird frühzeitig weggeschnitten, damit die Qualität der übrigen um so besser wird. Klasse statt Masse also.
Übertragen bedeutet das für mich: Die Verbindung zu Jesus Christus ist für mich essenziell. Ich strecke meine Fühler aber auch nach anderen Einflüssen aus, im Bild: Nach der Sonne, durch die mir Gott ebenfalls begegnet. Zum Beispiel in der Natur. Ich bin darüber hinaus auf Kultur und Menschen angewiesen, die mich prägen, wie der Kellermeister. Und ich setze Prioritäten, was mir wichtig ist, welche meiner möglichen Früchte Qualität haben und wertvoll sind und was ich sein lasse. Ich kann und muss nicht alles tun. In dieser Vielfalt des Gebens und Nehmens, in der ich an vielen Stellen Gott am Werk sehe, wird mein Leben reich. Für mich und – hoffentlich – auch für andere.
Arnold Glitsch-Hünnefeld