„Der Stein ist zum Eckstein geworden“
Mittwochsandacht_online

In Wangen steht ein Haus, stellvertretend für andere Häuser, die ebenfalls in Wangen standen und stehen. Ein Haus, das an das gemeinsame Haus von Juden und Nichtjuden in Wangen erinnert. Das Mahnmal, das Schüler*innen der Demokratie-AG unserer Schule angefertigt haben und das am 9. November des letzten Jahres eingeweiht wurde.
In der Ansprache von Lily Dinter zur Einweihung bildete das Bild vom Haus einen roten Faden. Christen und Juden – Wangen ist ihr gemeinsames Haus. Das Haus hat ein Walmdach, das für die jüdische Kultur steht. Die Wände des Hauses geraten ins Wanken, als Juden auf der Straße geschnitten und aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden, als ihnen mehr und mehr Gewalt widerfährt. Das Haus zerbricht, als die verbliebenen 7 jüdischen Gemeindemitglieder ins KZ nach Gurs deportiert werden. Das Gedenken an die Juden soll unterbunden werden, Grabeinfassungen werden für Blumenbeete missbraucht; die Juden werden aus ihrem Haus gesprengt. Doch die Namen der Deportierten und Ermordeten bilden das Fundament für ein neues Haus, dessen Bau mit der Rückkehr von Nathan Wolf nach Wangen seinen Anfang nimmt.
Wie wir jetzt erleben mussten, bleibt die Geschichte dieses Hauses wechselhaft. Kurz vor den Osterferien wurden das Haus beschmiert und die Informationstafel dazu zerkratzt. Aber die Kratzer können den Inhalt der Tafel nicht auslöschen und die Farbe kann die Botschaft des Hauses nicht überdecken. Die Schande der Schänder fällt auf sie selbst zurück.
Über die Motive der Schmierer lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht war es ein „Streich“ von Pubertierenden, die damit die Verantwortlichen der Schule oder Mitglieder der Demokratie-AG ärgern wollten. In dem Fall wäre ihnen das kurzfristig erst einmal gelungen. Ich habe mich geärgert. Und ich finde es ernüchternd, dass Menschen so etwas nötig haben. Vielleicht ging es denjenigen aber auch um mehr: Vielleicht handelt es sich bei den Tätern um Nazis, denen das Gedenken an die Shoah und an die Juden ein Dorn im Auge ist und die ihren Antisemitismus ungehindert ausleben wollen.
So oder so ist die Aktion schlicht armselig. Sie ist ein Ausdruck von fehlendem Respekt. Respekt vor den Menschen, derer mit dem Mahnmal gedacht wird, den Jüdinnen und Juden, die in Wangen gelebt haben und nach Gurs deportiert wurden. Aber auch Respekt vor den Menschen, die sich dieser Geschichte stellen und nicht den Schwanz einkneifen und sich in Phantasien von einer Herrenrasse flüchten. Menschen wie den Mitgliedern der Demokratie-AG. Die Aktion ist ein Ausdruck von Feigheit, Kleingeist und geistiger Armut. Und sie wird den gegenteiligen Effekt haben, von dem, was sie eigentlich bezwecken wollte. Das Gedenken, das Engagement für Erinnerung und Menschenwürde wird einmal mehr in die öffentliche Wahrnehmung gebracht.
Menschlichkeit und Menschenwürde erweisen sich als stärker als die niedere Gesinnung derer, die sie auslöschen wollen. Das hat etwas von Auferstehung. Von Hoffnung wider die Hoffnungslosen.
In den Gottesdiensten zu Ostern wurde aus Ps 118 rezitiert. Ich habe einige Verse aus dem Psalm ausgesucht:
1Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
2Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
14Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
15Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
17Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
22Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
23Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
24Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
26Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Wir segnen euch vom Haus des Herrn.
29Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ In der christlichen Osterbotschaft wird der Stein mit Jesus Christus, dem Auferstandenen identifiziert. In der ursprünglichen Bedeutung des Psalms steht er für Israel, für die Juden. Das Judentum wurde lange – auch und gerade von Christen – verworfen. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Haus des christlichen Glaubens ohne den Eckstein des Judentums nicht tragfähig wäre. Das Christentum ist ohne Kenntnis des jüdischen Denkens nicht zu verstehen. Das Judentum ist ein Grundstein für den christlichen Glauben.
Der Jude Jesus ist zum Eckstein geworden. Der Eckstein ist nach biblischer Überlieferung auch ein Stein des Anstoßes (Jes 8,14). Er ist ein Stolperstein, ein Stein mit Ecken und Kanten. Jesus ist nicht der weichgespülte Protohippie, sondern hat klare Anforderungen an die Menschen formuliert, die ihm nachfolgen. Und so sind Christ*innen aufgefordert, Kante zu zeigen, wo Menschen diskriminiert werden und die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Deshalb ist das Eintreten für Erinnerung und gegen Antisemitismus eine bleibende Pflicht für Christ*innen.
Deshalb wird die Schändung des Mahnmals angezeigt, an die Öffentlichkeit gebracht und das Mahnmal öffentlich von den Schmierereien gereinigt werden. So dass es erneut seine Botschaft aussendet: Das Haus, dass mit Schmierereien geschändet wurde, ist erneut zum Eckstein geworden. Zum Anstoß, sich an seine Bewohner*innen zu erinnern. An
Nanette Wolf.
Selma Wolf.
Alfred Wolf.
Paula Wolf.
Rosel Wolf.
Karoline Sandmer.
Fanny Bernheim.
Und das Haus wird so zum Anstoß im Geist des Juden Jesu an der Hoffnung auf Menschlichkeit, Menschenwürde und ein Miteinander der Menschen in Frieden festzuhalten.
Arnold Glitsch-Hünnefeld