„Ostern ist die Flamme der Hoffnung…“

Wir wünschen ein gesegnetes Osterfest!

Predigt zum Schulgottesdienst vor den Osterferien

 Tod

Vor Euch habt Ihr ein ungewohntes Bild: Der Altar ist kahl. Kein Parament. Auch keine Kerzen und keine Blumen. Nur das Kreuz steht auf dem nackten Stein. Das Tuch an der Kanzel, das Kanzelantependium ist schwarz. Es wird sonst nur bei Trauerfeiern aufgehängt. Ein Ausdruck von Ödnis, Leere und Tod. Ein Vorgriff auf den Karfreitag. 

Vielleicht erinnert das die eine oder den anderen an Bilder aus den Nachrichten: Steinwüsten in der Ukraine, in Gaza, im Libanon; von Raketen und Drohnen verheerte Häuser; brennende Ölfelder und Raffinerien; schwarzer Rauch dringt in die Atmosphäre. Der Mensch zerstört seinen Lebensraum. Menschen sind Willkür und Gewalt ausgesetzt; die Skrupellosen diktieren das Weltgeschehen. Verunsicherung auch in unserem, vergleichsweise sicheren und wohlhabenden Land; Überzeugungen und Haltungen, Demokratie und Menschenwürde bröckeln. Viele Menschen, die Empfindsamen besonders, leiden an dieser Zeit. Die Passionszeit rückt ganz nah. 

Wir nähern uns dem Höhepunkt der Passionszeit. Sie verdichtet sich in der kommenden Karwoche. Sie vollzieht eine Bewegung zwischen himmelhoch jauchzend am Palmsonntag und zu Tode betrübt am Karfreitag. Dazwischen ein Abschied beim letzten Abendmahl. Im Garten Gethsemane bleiben die Freunde zurück und haben nicht die Kraft, dem Verzweifelten im Wachen beizustehen. Eine Festnahme bei Nacht und Nebel und ein willkürlicher Prozess. Ein inszenierter Volkszorn fordert den Tod des Unschuldigen. Und dann das Kreuz auf der Schädelstätte Golgatha. Unbarmherziger Spott der Umstehenden. Dunkelheit senkt sich über die Szenerie – am helllichten Tag. Jesus schreit seine Verzweiflung heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und stirbt. 

Das Korn versinkt in die Erde, in den Tod. Wie soll Jesus noch fliehen. Der Beter des 88sten Psalms ist sich sicher: An die Toten denkt Gott nicht mehr. Sie sind seiner Macht entzogen. „Erzählt man im Grab von deiner Güte? Sind am finsteren Ort deine Wunder bekannt? Im Land, wo alles in Vergessenheit versinkt?“  

Jesu Verzweiflungsschrei würde in diesen Psalm passen. Doch er ist in Wahrheit der Anfang von Ps 22. In diesem Psalm bricht sich weiter hinten Hoffnung Bahn. Jesus wird ins Grab gelegt. Die Nacht breitet sich über Jerusalem. Und doch klingt leise ein Danach an. 

Auferstehung

Das Bild hat sich verändert. Weiß statt schwarz. Weiß ist in der Kirche die Farbe für Christus. Die Farbe für den Weihnachts- und den Osterfestkreis. Blumen stehen auf dem Altar und zeugen vom Leben. Die Altarkerzen brennen. Und mit ihnen die Osterkerze. 

Wir haben Assoziationen von Schüler*innen zum Motiv der Osterkerze gehört. Manche waren zwiespältig, ambivalent. So wie der Gegensatz von Karfreitag und Ostern. Alpha und Omega, Anfang und Ende wurden genannt. Rotes Blut und gelbe Lebensfreude; Flammen als Gefahr und als Feuer des Geistes. 

Der Text aus dem Buch des Propheten Hesekiel ist ein Text des Übergangs – in mehrfacher Hinsicht. Am Anfang steht eine öde Ebene voller Knochen. Eine Schädelstätte wie Golgatha. Sie zeigt die Hoffnungslosigkeit der Israeliten. „Unsere Hoffnung ist dahin, wir haben keine Zukunft mehr!“ sagen sie. Hinter ihnen liegt ein verheerender Krieg. Sie leben verstreut und fern der Heimat. In der Fremde unter Fremden. Der Willkür der Mächtigen und Skrupellosen ausgesetzt. Wie damals in Ägypten. Wie heute in vielen Teilen der Welt. Von den Einheimischen bestenfalls geduldet. Ohne Hoffnung auf Heimkehr. 

Dagegen setzt Gott seine Hoffnungsvision. Er führt dem Propheten und seinen Adressat*innen das Bild einer Auferstehung vor Augen. Die Gräber öffnen sich und Gott gibt den Toten seinen Geist des Lebens ein. Vorerst ist das eine Vision. Ein Bild dafür, dass die hoffnungslosen Verhältnisse sich ändern können. Dieses Bild kann aber nur Kraft entfalten, wenn es nicht als völlig widersinnig empfunden wird.  

Damit steht diese Vision für einen Übergang. In den älteren Texten der Hebräischen Bibel ist Auferstehung noch undenkbar. Psalm 88 ist ein Beispiel dafür. Er bietet keinerlei Ausblick auf Hoffnung – als einziger Psalm der Bibel. Er bringt menschliche Verzweiflung ungeschönt vor Gott. Für den Propheten Hesekiel dagegen ist Auferstehung zumindest eine Denkmöglichkeit. Ein Bild, das Hoffnung spenden kann. 

Zur Zeit Jesu war der Glaube an eine Auferstehung umstritten. Die Sadduzäer hielten das für Unsinn. Die Pharisäer waren von einem Leben jenseits des Todes überzeugt. Hoffnung gegen sich nüchtern gebenden Rationalismus. In diesem Punkt war Jesus mit den Pharisäern einig. Er vertraute auf Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod. Und durch die Angst, die Verzweiflung und den Tod hindurch wird er zum Inbegriff der Auferstehung. Zum ultimativen Zeichen des Sieges der Hoffnung über die Hoffnungslosigkeit, des Lebens über den Tod. 

Ostern ist das Fest dieser Hoffnung. In den Gottesdiensten erklingt der Jubelruf: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Freude bricht sich Bahn. Sie findet Ausdruck in vielen Ostertraditionen. Dem Ostereiersuchen. Die 5er*innen hatten am Mittwoch ihre Osteraktion und haben ihrer Freude als lebende Schrift Ausdruck verliehen. 

Die meisten Assoziationen der Schüler*innen zum Motiv der Osterkerze stehen für Freude. Der brennende Dornbusch ist ein Symbol für Gottes Gegenwart. Mose befreit sein Volk aus Unterdrückung und Willkür in Ägypten. Bunte Flammen als Zeichen der Lebensfreude. Bunte Farben des Friedens statt Grau und Schwarz des Krieges. Alpha und Omega: Gott, der Anfang und der Ewige. Flammen als Symbol des Heiligen Geistes. In ihm ist Christus gegenwärtig über Raum und Zeit hinweg. 

Feuer und Flammen sind schon seit langer Zeit mit Osterbräuchen verbunden. Das „Feuerwunder“ in der Grabeskirche zu Jerusalem. Mit dem ersten Lichtstrahl wird eine Kerze entzündet und die Flamme dann in Windeseile weitergegeben, bis der ganze Raum erleuchtet ist. Hierzulande leuchten in vielen Gemeinden am Ostermorgen die Osterfeuer. 

Ostern ist die Flamme der Hoffnung, dass das Leben den Sieg behält. Dass Versöhnung möglich ist, wo noch Feindschaft herrscht. Dass der Geist Gottes, der Geist des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freiheit sich durchsetzen wird. Lassen wir uns anstecken von dieser Hoffnung. 

Amen 

Arnold Glitsch-Hünnefeld