Durch das Tal der Tränen in Gottes neue Welt
Mittwochsandacht_online

Die Passionszeit schreitet fort. Vier Wochen liegen bereits hinter uns, zweieinhalb noch vor uns. Heute will ich den Blick einerseits zurück und zugleich nach vorne richten. Ich nehme noch einmal die Jahreslosung in den Blick, zu der wir am Beginn des Jahres schon einmal eine Andacht – damals von Herrn Schumacher – gehört haben. Sie steht in der Offenbarung des Johannes. Dort spricht Gott „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Herr Schumacher hat den Blick zunächst auf die geradezu apokalyptischen Bilder der Gegenwart gelenkt. Die Verheißung der Jahreslosung hat er als Einladung interpretiert, aus der Hoffnung auf Gottes Zusage heraus, Dinge zu verändern.
Wie jedes Jahr hat Heidi Reubelt, Künstlerin aus Horn, ein Bild zur Jahreslosung gestaltet. Diesmal allerdings unter besonderen Umständen, weshalb ich sie erst verspätet darauf angesprochen und das Bild erst kürzlich in Ruhe zur Kenntnis genommen habe.
Als erstes nehme ich das Auge in der Bildmitte wahr und die Tränen, die es vergießt. Die Künstlerin verarbeitet in dem Bild eigenen Schmerz und eigene Trauer. Trotzdem ist es kein düsteres, kein deprimierendes Bild. Die Farben sind hell – heller als bei vielen Losungsmotiven der Künstlerin aus der Vergangenheit. Himmelblau und Grün dominieren. Grün als Farbe der Hoffnung ist nicht zufällig gewählt.
Die Tränen fallen in einen Wirbel. Die Künstlerin spricht von der Lebensspirale. Für mich drückt der Wirbel Dynamik aus. Keine Erstarrung angesichts dessen, was erschreckt. Die Kraft, Altes in Neues zu verändern.
Das äußere Ende des Wirbels berührt sich mit dem unteren Ende des blau-schwarzen Motivs. Ich sehe darin eine Feder. Zeichnet sie den Wirbel? Seine scharfen Konturen? Und ein zweites, neongrünes Motiv erinnert mich ebenfalls an eine Feder, die in den Wirbel eingetaucht ist und deren Farbe ebenfalls in dem Wirbel zu sehen ist. Wird hier die Geschichte der Welt geschrieben? Gott als Autor der Geschichte? Aber vielleicht nicht als alleiniger Autor? Gibt es noch einen oder mehrere weitere Verfasser, die Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen? Die Menschen vielleicht, die Gott mit Freiheit ausgestattet hat?
In die Tränen ist Blattgold eingearbeitet. Das Gold ist aufgenommen in dem Motiv links oben. Es könnte eine Fontäne oder ein blühender – oder brennender? – Busch sein. Die Künstlerin hat es als Himmelstau gedacht. Ist hier das Neue zu sehen, das Gott schafft? Dafür spricht, dass Heidi Reubelt auch das Wort „neu“ mit Blattgold verziert hat. Dieser Bereich des Bildes ist der hellste. Eine lichte Zukunft. Der Hintergrund ist in Weiß, der Summe aller Farben, gehalten. „Alles ist möglich. Die Zukunft ist offen.“
Gold zu Gold. Das Gold der Tränen wird zum Gold des Himmelstaus. Die Tränen werden verwandelt. Im Vers unmittelbar vor der Jahreslosung heißt es: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ Gott wird die Tränen der Menschheit verwandeln in das Neue, das er schafft. Heidi Reubelt schreibt: „Das Neue ist eben oft auch mit dem verbunden, was man hinter sich lassen, aufgeben, verabschieden muss.“ Aber „keine Träne ist verloren, vergebens“. Im Neuen sind die Tränen verwandelt und doch bewahrt.
Die Offenbarung des Johannes, aus der die Jahreslosung genommen ist, ist in eine Zeit der Tränen hineingeschrieben. Die ersten Christenverfolgungen hatten eingesetzt. Menschen, die sich zum Glauben an Christus bekannten, bezahlten das nicht selten mit ihrem Leben. Im Ganzen des Buches nehmen Bilder des Schreckens einen großen Raum ein. Sie werden als Vorstufe des Endes der Welt gezeichnet und beschreiben doch verschlüsselt die schreckliche Gegenwart. Danach wird das Ende erwartet. Das Neue, das Gott schafft. Das himmlische Jerusalem als Symbol des göttlichen Friedens.
Die gleiche Bewegung durchzieht die Passionszeit. Es ist eine Zeit des Leidens und des Schmerzes Jesu. An ihrem Ziel steht die Auferstehung. Jesus geht diesen Weg. Er geht in die Angst hinein. Wir haben davon in der Geschichte vom Garten Gethsemane gehört. Er geht in das Tal der Tränen. Er geht sogar in den Tod. Er geht nicht an alldem vorbei. Der Weg zur Auferstehung führt durch Angst und Tränen, durch Schmerz und Tod hindurch. Das ist der Weg, durch den das Leben über den Tod siegt.
Für manche von uns ist unsere aktuelle Zeit eine Zeit der Tränen, eine dunkle Zeit. Weil sie einen persönlichen Verlust erfahren haben. Weil der Druck zu groß wird. Oder weil die Flut der beunruhigenden Nachrichten sie überschwemmt. Vieles von dem Schrecklichen, das Herr Schumacher am Anfang des Jahres beschrieben hat, ist immer noch Gegenwart. Neue Krisen sind dazugekommen.
Es ist gut, die Verunsicherung, den Schmerz, die Trauer darüber wahrzunehmen. All das nicht vorschnell wegzuschieben. Denn wenn ich mich dem stelle, kann ich damit arbeiten. Dann kann durch den Schmerz, die Angst, die Trauer hindurch Neues entstehen. Wenn ich versuche, das Neue am Schmerz, der Angst, der Trauer vorbei zu erreichen, wird es wenig tragfähig sein. Das Verdrängte kommt irgendwann an die Oberfläche zurück und das (vermeintlich) Neue hat ihm nichts entgegenzusetzen.
Die Tränen sind da. Sie dürfen – müssen sogar vielleicht – da sein. Doch Gott sagt zu, dass er sie verwandeln wird. In der Auferstehung Jesu hat er dem Leben den Sieg über den Tod gegeben. Er kann uns aus dem Schrecken und der Erstarrung lösen. Er steckt uns an mit der Kraft der Verwandlung. Er nimmt uns mit in den Wirbel des Lebens. Er spricht: „Siehe, ich mache alles neu“.
Arnold Glitsch-Hünnefeld

Heidi Reubelt, 2026