Im Dialog mit der Schöpfung

Mittwochsandacht_online

Die Bilder, die ihr während des Vorspiels gesehen habt, sind aktuell nebenan im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde ausgestellt. Es sind Werke der Künstlerin Gitta Marquardt-Baladurage. Sie lebt hier auf der Höri und verbindet abstrakte und figurative Malerei. Ganz bewusst gibt sie ihren Bildern keine Titel. Die Betrachter*innen sollen frei sein in ihren Assoziationen und Interpretationen.

Die Bilder, die im Gemeindehaus ausgestellt sind, sind überwiegend abstrakt. Manchmal lässt sich das eine oder andere gegenständliche Motiv erahnen. Zwei in mehreren Bildern wiederkehrende Elemente sind mir besonders aufgefallen. Zum einen tauchen in einer Reihe von Bildern menschliche Figuren auf. Sie sind zurückhaltend gestaltet. Farben, Kleider, Gesichter sind nicht zu erkennen. Sie sprechen durch ihre Körperhaltung. Zum anderen sind in einige Bilder Schriftzeichen oder Zeitungsausrisse in verschiedenen Sprachen eingearbeitet. Ich sehe darin den Hinweis auf ein Kommunikationsangebot.

Die Ausstellung trägt den Titel „Seh-Räume“. Die Bilder laden mich dazu ein, mit den Augen in sie einzutreten und in ihnen herumzuwandern. Für diese Andacht konzentriere ich mich auf zwei Bilder. Ich identifiziere mich unwillkürlich mit den Figuren in den Bildern. Was sehen sie? Was erleben sie?

Mit dem Eintreten in die Welt des Bildes trete ich mit ihr in Kontakt und in Interaktion. Ich trete auf, spüre den Boden unter den Füßen und übe zugleich Druck auf den Boden aus. Vielleicht trete ich ein paar Grashalme nieder, die sich danach – mehr oder weniger schnell – wieder aufrichten. Eine Figur lehnt sich mit dem Rücken an eine blaue Fläche. Vielleicht ein Baumstamm? Die Figur rechts – in Rückenlage – bewegt das linke Bein, als würde sie einen Ball kicken. Vielleicht die rote runde Fläche am Fuß? Oder steigt die mittlere Figur gerade auf diese Fläche? Ein Bild, eine Welt voller Farben.

Die Textausrisse zu Füßen der beiden rechten Figuren stammen aus unterschiedlichen Sprachen und Schriften. Wanderer zwischen den Welten. Das Bild hat eine ganz eigene Dynamik. Können wir die Welt um uns herum lesen? Schon seit frühen Menschheitstagen haben Menschen die Natur beobachtet, um sie zu verstehen. Am Flug der Vögel oder an der Konstellation der Wolken konnten sie erkennen, wie das Wetter werden würde. Die moderne Meteorologie erfasst mehr Daten und ist genauer in ihren Analysen, tut aber letztlich nichts anderes.

Ich kommuniziere mit der Natur aber nicht nur mit der Ratio, sondern auch emotional. Ich bin beeindruckt und überwältigt von einem Bergpanorama und staune über die Schönheit des Sees beim Aufgang der Sonne. Ich sehe ein krankes Tier oder eine abgeknickte Blume und es tut mir in der Seele weh. Ich trete in Kontakt mit der Schöpfung und begreife, dass ich ein Teil von ihr bin. Wie die Figuren im Bild. Die Schöpfung spricht in ihrer eigenen Sprache zu mir und fordert mich auf, sie zu bewahren. Als Menschen sind wir mit Bewusstsein in der Welt. Wir erkennen, dass unser Verhalten Konsequenzen für die Welt hat. Schon deshalb tragen wir Verantwortung.

In dem hellen Fleck rechts oben ist noch einmal eine Figur zu erkennen. Vielleicht nimmt sie gerade den Ausgang in ein anderes Bild, eine andere Welt. Wieder sehe ich Figuren in einer Welt aus Farben und mit Schriftzeichen. Diesmal gibt es Figuren in vier unterschiedlichen Größen. Ich versetze mich in die mittelgroße Figur halblinks. An meiner Seite eine Gruppe von Menschen. Sie sind kleiner als ich. Sind es Kinder? Sind sie mir anvertraut? Trage ich Verantwortung – für die Schöpfung und damit auch für ihre – Eure – Zukunft? Und dann sind da diese riesengroßen Gesichter. Sie haben Gesichtszüge. Der Blick des linken geht in meine Richtung. Beobachtet er, was ich tue?

Das rechte Gesicht ist so groß wie die ganze Gruppe an seiner Stirn. Kann ich darin ein Symbol für Gottes Gegenwart erblicken? Begegnet mir Gott in der Schöpfung? Spricht er durch die Schöpfung zu mir? Karl Barth, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts lehnte diesen Gedanken strikt ab. „Natürliche Theologie“ nannte er das. Er sah darin das Einfallstor für die Blut- und Bodenideologie der Nazis in die Theologie.

Ich habe aber immer wieder den Eindruck, dass Gott sich in der Welt um mich herum zeigt. Ich glaube tatsächlich, dass Gott auch durch die Schöpfung zu uns spricht. Für mich als – evangelischer – Christ bleibt allerdings die Bibel der Maßstab dafür, was ich als Gottes Reden aus der Schöpfung heraus betrachte. Und ich glaube, dass Gott in der Schöpfung mir in erster Linie und in besonderer Weise in Menschen begegnet. Vielleicht in der Gruppe kleiner Menschen in der Mitte des Bildes. Vielleicht gerade in Euch.

Was sagt Gott zu mir? In einem Psalm heißt es: „Gott, der Herr, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweiget nicht. Fressendes Feuer geht vor ihm her und um ihn her ein gewaltiges Wetter.  Er ruft Himmel und Erde zu, dass er sein Volk richten wolle:  »Versammelt mir meine Heiligen, die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.« Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden; denn Gott selbst ist Richter.“ (Ps 50,1-6)

Hier spricht Gott gewaltig durch die Phänomene der Natur. Er zeigt sich als Richter. Und er fordert Rechenschaft. Von seinem Volk und von der Menschheit. Von mir. Bin ich seinem Willen, seinen Geboten gerecht geworden? Dem Auftrag, den er dem Menschen als Ebenbild Gottes in der Schöpfung gegeben hat? Sie zu bebauen und zu bewahren? Und dem Gebot, meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst?

Aber Gottes Wort fordert nicht nur. Es tröstet und baut auf. Im Jesajabuch spricht er: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!  Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen.“(Jes 43,1f) Unterwegs in der Welt bin ich umgeben und behütet von Gott.

Es wird Zeit, aus der Welt der Bilder wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Ich nehme mit, dass wir in Interaktion mit der Welt stehen. Dass Gott uns in der Welt begegnet. Dass er uns die Welt und uns einander anvertraut hat. Dass er uns fordert und zugleich hält und trägt. Das gibt mir Kraft. Und ich hoffe: Euch auch.

Arnold Glitsch-Hünnefeld