Am Anfang stand eine Idee: Ein Campuspfad für Schloss Gaienhofen. Bei der Feier zum 75jährigen Bestehen der evangelischen Schule Schloss Gaienhofen wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt und die erste Stele – noch als Provisorium – enthüllt. Die Neugier war geweckt, die Realisierung ließ noch auf sich warten.
Am Anfang der gedanklichen Vorbereitung auf die heutige Feier stand für mich ein Bild. Das Motiv, das Antonio Zecca für die Einladungskarte gestaltet hat. Im Vordergrund ein Wanderer. Sein Blick geht in dieselbe Richtung wie meiner als Betrachter des Bildes. Ich werde mit hineingenommen in die Perspektive und auf den Weg des Wanderers. Die Stelen sind noch ohne Informationstafeln – eine ganze Zeit lang ein gewohntes Bild. Auch ohne die Tafeln weisen sie den Weg – hin zur Schule.
Die Perspektive ist eigenwillig: Am Ziel des Weges sind der Musiktrakt und die Melanchthonkirche zu erkennen. Der Weg scheint vom See her zu führen. Aber aus dieser Richtung müssten doch Campusbau, AD-Saal und Schloss zu erkennen sein. Stattdessen ein Hügel und unbebautes Gelände. Vielleicht steht der Kontrast für die Veränderungen, die der Schulcampus im Lauf der Jahre durchlaufen hat. Verschiedene Ebenen schieben sich übereinander. Der Campuspfad hier als Weg hin zur Schule, in der realen Wirklichkeit ein Weg über das Schulgelände und seiner Idee nach symbolhaft der Weg der Schule.
Der Wanderer, eine Einzelperson – ein Schüler oder eine Schülerin, eine Lehrkraft oder eine andere Mitarbeiterin, die neu an die Schule kommt? Oder steht die Gestalt exemplarisch für die Schulgemeinschaft, so wie in der Bibel beispielsweise Jakob oft für das Volk Israel steht?
Der Weg führt an dem Hügel vorbei. Steht das dafür, dass unsere Schule ihren wohlbehüteten Schützlingen den bequemsten Weg bereitet? Aber die Schullaufbahn hält auch bei uns einige Steigungen und Hindernisse bereit, die überwunden sein wollen. Dazu braucht es Ausdauer und Kraft. Das drückt das Bild durch eine weitere Doppelbödigkeit aus: Die braunen Stellen auf dem Bild sind mit Kaffee gemalt – dem im Lehrerzimmer mit Abstand am meisten konsumierten Getränk. Oft braucht es ihn als Treibstoff, um den toten Punkt nach der ersten Doppelstunde zu überwinden und den nötigen langen Atem zu behalten.
Die Person auf dem Bild trägt einen Rucksack – keinen Schulranzen. Menschen, die hierherkommen, bringen ihr eigenes Gepäck mit: Ihre Erfahrungen, ihre Kompetenzen, die sie vielleicht an einer anderen Schule erworben haben, ihr individuelles Verhältnis zum Glauben. Dass der Glaube an dieser Schule einen besonderen Platz einnimmt, wird in dem Bild deutlich, das als Ziel des Weges eben die Kirche und nicht das Schloss zeigt.
Für einen evangelischen Schulpfarrer liegt es nahe, dass ich den Blick über das Bild hinaus auf die Bibel richte. Auch in der Bibel sind immer wieder Menschen unterwegs. Einzelpersonen wie Abraham, der doch zugleich als Stammvater für das ganze Volk Israel steht. Das Volk Gottes mit Mose auf der Wanderung durch die Wüste. Beide Male führt der Weg ins gelobte Land, in die von Gott verheißene Zukunft.
In dieser Tradition standen auch Jesus und seine Jünger. Auch Jesus residierte nicht in einem Zentrum und ließ die Menschen zu sich kommen, sondern wanderte mit seinen Jüngerinnen und Jüngern durchs Land. Lange Zeit durch Galiläa und schließlich nach Jerusalem. Wer zu Jesus gehören will, muss sich auf das Unterwegssein einlassen. „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." (Lk 9,58) Diese Antwort gibt Jesus einem, der ihm nachfolgen will. Der Weg mit ihm ist herausfordernd. Daraus macht er keinen Hehl. Also gerade nicht der bequemste Weg.
Aber ein Weg, der sich lohnt. Die Jüngerinnen und Jünger bildeten eine Lerngemeinschaft. Das griechische Wort maqeth/v, das bei Luther mit „Jünger" übersetzt wird, bedeutet ursprünglich „Schüler". Die Jünger hörten die Worte Jesu und wuchsen im Glauben. Sie entdeckten an sich Fähigkeiten, von denen sie bisher nichts gewusst hatten. Sie wurden – ohne dass ihnen das klar war – auf ein Leben vorbereitet, in dem sie aus der Obhut ihres Meisters entlassen ihren Glauben in der Welt bewähren mussten. Ihre Gemeinschaft war eine Gemeinschaft auf Zeit. Nach Jesu Tod und Auferstehung trennten sich ihre Wege zum Teil. Aber ihre Gemeinschaft blieb über Raum und Zeit hinweg bestehen.
Eine der Tafeln auf der dritten Stele trägt die Überschrift „Die ewige Gemeinschaft". Erinnert wird an die Verbundenheit, die viele Internatsschülerinnen und -schüler auch lange Jahre nach ihrem Abitur noch empfinden. Heute ist diese Verbundenheit über die Schulzeit hinaus vielleicht nicht mehr so stark wie zu Internatszeiten. Aber eine prägende Kraft kann die Schulzeit trotzdem behalten. Zumindest habe ich das so erlebt. Und ich bekomme es bei gelegentlichen Begegnungen mit ehemaligen Schüler*innen von uns mit. Schüler*innen nehmen etwas aus ihrer Zeit in dieser Gemeinschaft an diesem besonderen Ort mit. Das schafft eine unsichtbare Gemeinschaft, selbst dann, wenn diese nicht auf Ehemaligentreffen oder durch vergleichbare Kontaktaufnahmen gepflegt wird.
Der Campuspfad symbolisiert den Weg, den Schüler*innen an unserer Schule gehen und der mit dem Schulabschluss nicht endet. Zugleich dokumentiert der Pfad den Weg, den unsere Schule schon gegangen ist. Die vielen Entwicklungsschritte vom Mädchenheim über das Internat bis zur Schule, wie sie heute ist. Dieser Weg geht weiter. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." heißt es im Hebräerbrief. Manchmal ist das herausfordernd. Manchmal sehnen sich das Kollegium und vielleicht auch die Schüler*innen nach ein wenig Stillstand. Manchmal murren wir, weil uns alles zu anstrengend wird, wie das Volk Israel in der Wüste. Mir fällt da zum Beispiel der Medienentwicklungsplan ein. Aber dann geht es doch wieder weiter. In diesem Schuljahr haben wir ein neues Andachtskonzept eingeführt und uns auf den Weg gemacht „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" zu sein. Daneben gibt es viele weitere Entwicklungen, die vielleicht weniger sichtbar sind. Das Feintuning an der Arbeit mit den iPads oder die ersten Schritte mit KI im Schulalltag. Veränderung ist unausweichlich, weil sich unsere Wirklichkeit ständig verändert. Der Campuspfad kann uns zeigen: Unsere Schule ist in der Lage dazu, sich zu verändern und zu entwickeln. Wir sind dabei nicht ohne Orientierung. Und wir sind dabei nicht allein. Gott begleitet uns auf unserem Weg. Wie Abraham, wie das Volk Israel, wie die Jünger und wie den Wanderer auf dem Bild.
Arnold Glitsch-Hünnefeld