Raus aus der Schule – rein in den nächsten Lebensabschnitt. Sie haben bestimmt darauf hingewiesen, dass dieser Schritt ambivalent ist: zunächst mal in der völligen Freiheit der Entscheidungen, aber eben auch zunächst ohne jede feste Struktur. Ob 20 Abi-Reden einem helfen, mit dieser Situation umzugehen? Raus aus der Schule mit ihren Strukturen (so irr die in einer Schulleitung manchmal auch erlebt werden mögen) und rein in einen Raum, der noch keine Konturen hat?
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Bei der Wahl dieses Psalmverses für den heutigen Tag stand ein Bild von Antonio Zecca Pate. Sie kennen es von der Einladungskarte.
Da steht einer, mit dem Rücken zu den Betrachtern. Noch auf festem Boden, um die Füße ein wenig Schilf. Ausschau haltend, prüfend, zögerlich? Vielleicht sich innerlich vorbereitend.
Gepäck hängt über seiner Schulter. Eher leichtes Gepäck, keine Massen von Kisten und Koffern. Kein überflüssiger Ballast. Was belastet, kann getrost zurückbleiben. Was ist es wert, mitgenommen zu werden? Was wird gebraucht auf dem weiteren Weg? Was hat bleibenden Wert?
Vor dem Menschen ein See und ein Boot. Wasser ist ein anderes Medium als die Wege an Land. Die Bewegungen sind gleitend. Manches wird leichter. Der See als Sehnsuchtsort. Andererseits
braucht es Vorausschau und Erfahrung, um sich auf dem See gut fortbewegen zu können. Der fehlende feste Grund ist auch Herausforderung. Je nach Strömung kommt man woanders heraus, als zunächst gedacht. Aber war das auf den zurückliegenden Wegen nicht auch manchmal so?
Im Hintergrund ist das Ufer auf der anderen Seeseite zu erahnen. Ein Aufbruch zu neuen Ufern steht an. Für den Scheidenden – und zugleich auch für die Bleibenden.
Der Blick geht ins Weite. Der Horizont ist offen. Der Mensch kann die Zukunft auf sich zukommen lassen. Die Vielfalt der Möglichkeiten. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
In der Geschichte, die wir gehört haben, will Petrus nicht mehr aufbrechen. Er will den Moment festhalten. Er hat die Gegenwart Gottes im Vollformat erlebt. Das ist nicht alltäglich, sondern ein besonderes Geschenk. Drei Hütten will Petrus bauen: Für Mose eine, für Elia eine und für Jesus eine. Er erkennt das lebendige Wort Gottes in der Tora, in den Propheten und in dem Christus. „Hier ist für uns gut sein.“
Da will einer bleiben. Aber Jesus lässt ihm diese Flucht in die Innerlichkeit nicht durchgehen. Das Geschenk der Fülle will geteilt werden. Die Erfahrung der Gegenwart Gottes stärkt für den Alltag. Dorthin kehrt Petrus mit Jesus zurück. Gottes Geist drängt zum Aufbruch.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Das haben sie alle erlebt: Petrus, Mose und Elia.
Petrus war Fischer, als Jesus in sein Leben trat und ihn aufforderte, mit ihm zu gehen. Ein erster Aufbruch in ein unbekanntes Leben.
Petrus erzählt:
„Mein Bruder Andreas und ich waren die ersten, die Jesus zu seinen Jüngern berufen hat. Ich habe das immer als eine Auszeichnung begriffen. In der Folge war ich immer vorne dran. Eine Führungspersönlichkeit zu sein, das hat mir gut gefallen.
Mit leichtem Gepäck waren wir unterwegs. Sich auf Jesus einzulassen, bedeutete, immer offen zu sein für das Unerwartete. Ein Stück weit hatte ich das in meiner Zeit auf dem See schon gelernt. Das Boot in Wind und Wellen auf Kurs zu halten.
Ob Jesus mich deshalb zum Ersten unter Gleichen gemacht hat? Aus Simon, dem ehemaligen Fischer, wurde Petrus. „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ hat Jesus gesagt. Das hat mir gefallen. Als Fels in der Brandung habe ich mich gerne gesehen. Verantwortung für das Ganze, für die Gemeinschaft, das war mein Ding.
Dass ich in alldem selbst gehalten und getragen war, habe ich manchmal ein bisschen vergessen. „Du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.“ Du, mein Gott – nicht ich selbst. Ich war so sicher, dass nichts mich erschüttern könnte, dass ich Jesus zur Seite stehen würde, was immer auch passieren würde. Der Fels in der Brandung eben.
Aber dann konnte ich es nicht, als Jesus gefangen genommen und verhört wurde. Ich konnte den Umbruch nicht verhindern, der für uns alles verändert hat. Ich war am Boden zerstört. Erst später habe ich begriffen, dass dieser Umbruch nicht das Ende, sondern ein Neuanfang war. Dass Gott aus den Trümmern des Alten etwas Neues hatte auferstehen lassen. Dass Gott Wege sieht, wo wir nur Sackgassen erkennen.
Und das Unglaublichste war: Jesus hat mir trotz meines Scheiterns weiter vertraut. „Weide meine Lämmer“ hat mir der auferstandene Christus aufgetragen, als er uns am See Tiberias erschienen ist. Die neu entstehende Gemeinde zu leiten, war meine Aufgabe. Den Aufbruch zu wagen. Dabei musste ich lernen, Kontrolle abzugeben – oder auch nur die Illusion von Kontrolle. Eine wachsende Gemeinschaft organisiert sich immer ein Stück weit selbst. Und wenn es gut läuft, ergänzen sich – mit Gottes Hilfe – die ganz unterschiedlichen Kräfte und Persönlichkeiten zu einem funktionierenden System.
Ich musste lernen, mich in alldem Gott anzuvertrauen, der uns den Weg weist. Jesus hat mir meinen Auftrag gegeben und ihn zugleich begrenzt: „Wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“ Mein letzter Auftrag war der eines jeden guten Lehrers: Mich selbst überflüssig zu machen. Das hatte ich mit Mose und Elia gemeinsam.
Auch Mose hatte seine Füße auf weiten Raum zu stellen. Und zwar nicht alleine. Der sollte auch noch sein ganzes Volk mitnehmen. Raus aus der Fremdbestimmung. Weg aus den Sklaven-unterkünften. Hinaus in die Freiheit.
Mose erzählt:
Leute – diese Freiheit lag weit entfernt. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir unterwegs sein würden und wo wir landen würden.
Da war meine Führungskompetenz gefragt. Ich – ausgerechnet ich. Ich hatte einen Mord auf dem Gewissen. Ich konnte mich auch nicht gut ausdrücken – ich brauchte immer meinen Bruder Aaron. Der war in der Öffentlichkeitsarbeit viel besser als ich. Die Legende erzählt, dass ich alles alleine hingekriegt habe – das stimmt nicht. Gut, dass ich Leute hatte, mit denen ich mich beraten konnte.
Ich musste so viel bedenken und regeln. Ich musste mich um die richtige Einteilung von Ressourcen kümmern (wie viel Proviant braucht man auf dem Weg, damit nicht die Hälfte verdirbt?). Ich brauchte gute Ideen, um mit Hindernissen umzugehen (wie kommen wir durch das Wasser?). Ich musste dann immer schon mal vorausdenken – wo kommen wir hin? Wie wird unsere Zukunft sein (auf welches Terrain werden wir stoßen und wer könnte das mal für uns auskundschaften?). Ich war ständig mit Logistikfragen beschäftigt.
Aber mit Logistik allein löst man keine Visionen aus. Im Nachhinein bin ich dafür dankbar, dass ich mich immer wieder mit Gott unterhalten konnte. Das ganze Projekt in der Wüste war ja so viel mehr als eine Studienreise oder eine Teambuilding-Maßnahme. Gott hat mir immer wieder die Zuversicht geschenkt, dass der Weg nicht ins Leere oder ins Verderben führt.
Dass da auf Dauer trotzdem nicht alle mitziehen würden, war irgendwie klar: Die Leute fingen an zu nörgeln und zu quengeln und zu zweifeln und zu schimpfen – die haben sich regelrecht gegenseitig runtergezogen. Da wo wir herkamen, hatten wir es zwar nicht gut, aber wir kannten uns wenigstens aus. Was soll dieser Weg ins Ungewisse?
Mein Meisterstück war dann auch nicht das Ding am Schilfmeer. Am stärksten gefordert war ich beim Verhandeln mit Gott – ja – mit dem kann man verhandeln! Ich habe ihn bei seiner Ehre gepackt: Wenn du uns jetzt hier hängen lässt, dann haben die Ägypter gewonnen – dann ist es mit der Freiheit vorbei und unsere Zukunft ist beendet, bevor sie beginnen kann. Zeig mir und zeig denen, dass der Weg in die Zukunft führt! Und er hat mir versprochen: „Ich schließe mit dir einen Bund: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun… Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, wird die Taten des Herrn sehen“.
Ich selbst durfte den Einzug ins gelobte Land allerdings nicht mehr erleben. „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ – Gott bleibt der Souverän. Er führte mich zum Schluss noch einmal auf einen hohen Berg und schenkte mir die Aussicht auf die Möglichkeiten, die vor dem ganzen Volk lagen. Die offene Zukunft.
Jahrhunderte später war aus dem Volk in der Wüste ein Königreich geworden. Das Volk Gottes hatte sich mit der Religion und der Kultur der ortsansässigen Völker arrangiert. Ahab, der König von Israel, war mit Isebel verheiratet und sie ließ dem heidnischen Gott Baal einen Tempel in der Hauptstadt Samaria erbauen. Im Lauf der Zeit drohte der Baalskult den Glauben an den einen Gott Israels zu verdrängen. Da trat im Namen Gottes der Prophet Elia auf.
Elia erzählt:
„‚Ich hasse, die sich halten an nichtige Götzen; ich aber vertraue auf den Herrn.‘ Dieser Psalmvers könnte von mir sein. Kompromisslos habe ich mich gegen den herrschenden Zeitgeist gestemmt. Dass die Menschen den bequemsten Weg wählten und dafür ihren Glauben und ihre Werte verloren, war mir ein Gräuel. Mit ging es darum, die Verbindung zu unseren Wurzeln zu erhalten. Die Verbindung zu Gott, dem wir uns verdanken. Am Glauben festzuhalten, der uns ausmacht und unser Alleinstellungsmerkmal darstellt. An unserer Identität, die uns doch von Gott geschenkt und niemals eigene Leistung ist.
Mag sein, dass ich dabei über das Ziel hinausgeschossen bin. Dass ich Menschen vor den Kopf gestoßen habe, war nicht immer zu vermeiden. Aber es sind Verletzungen zurückgeblieben, die mir im Nachhinein leidtun. Ich bin buchstäblich über Leichen gegangen. Die 100 toten Baalspriester hat die Königin Isebel mir jedenfalls ziemlich übelgenommen.
Ich musste außer Landes fliehen. Anfangs ging es mir ums nackte Überleben. Aber irgendwann war ich nur noch erschöpft. Buchstäblich todmüde. ‚Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter‘ habe ich gebetet. Aber Gott hat mir diesen Wunsch nicht erfüllt. Es war, als habe er gehört: ‚In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott. Du bist meine Stärke.‘ Er hat mich gestärkt mit frischem Wasser und frischem Brot. Er hat meine Schritte durch die Wüste geleitet – hin zum Gottesberg, wo Mose seinerzeit die Gebote empfangen hatte. Er hat sich mir gezeigt – nicht in den lauten, spektakulären Naturgewalten, sondern im leisen Wehen. Er hat mir gezeigt, dass sein Geist eine sanfte Macht ist.
Und er hat mir einen letzten Auftrag gegeben: Nachfolger für die Könige von Israel und seinem Nachbarvolk zu designieren. Und einen Nachfolger für mich selbst. Eine Zeit lang ist der mit mir gezogen und ich habe ihn eingearbeitet. Dann war der Moment des Loslassens gekommen. Es war schon ein komisches Gefühl, mein Lebenswerk zu übergeben. Jetzt habe ich es nicht mehr in der Hand. Aber ich vertraue darauf, dass Gott es zu einem guten Ziel führen wird.“
Ein Abschied eröffnet neue Möglichkeiten. Für den, der geht und für die, die bleiben. Für Sie, Herr Toder, mag es eine wohltuende Aussicht sein, es nicht mehr mit knapp 900 Individuen zu tun zu haben, die alle ihren eigenen Kopf haben, sondern mit überschaubareren Gruppen – ihrer Familie, ihrem Freundeskreis. Sie werden ungeahnt viel Zeit für sich zur Verfügung haben. Vielleicht werden Sie sich erst daran gewöhnen müssen – und ihre Frau mit Ihnen. Aber Sie werden spüren: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“.
Im System Schule werden sich ebenfalls neue Spielräume eröffnen. Möge es gelingen, das zu erhalten und zu stärken, was diese Schule ausmacht: Das unbedingte Interesse an den Schülerinnen und Schülern. Das christliche Profil. Das Vertrauen in Gott und in die Menschen. In diesem Vertrauen können wir aufbrechen zu neuen Ufern. „Seid getrost und unverzagt, alle, die Ihr des Herrn harret.“
Amen
Martin Lilje / Arnold Glitsch-Hünnefeld