„Spiel(mit)Regeln“

Mittwochsandacht_online

Gerd Altmann / pixabay

Manche Situationen im Schulalltag haben etwas von einem Spiel. Eine Person macht einen Zug und die Reaktion des Mit- oder Gegenspielers folgt auf dem Fuß. Oft sind die Rollen dabei zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen klar verteilt. Das gilt z.B. für den Umgang mit Regeln.

Neulich hat eine Schülerin in meinem Unterricht ihr Handy benutzt. Sie hat zwar versucht, es hinter dem iPad zu verstecken, aber das war nicht wirklich erfolgreich. Was dann kam, war vorauszusehen: Ich habe ihr gesagt, dass ich sehe, dass sie das Handy benutzt, und ihr den entsprechenden Eintrag gegeben. Sie hat es sportlich genommen, sich erkundigt, was jetzt – beim zweiten Verstoß gegen die Handyregeln – passiert, und damit war die Sache zwischen uns erledigt. Sie hat es nicht persönlich genommen, dass ich ihr den Eintrag verpasst habe. Und ich habe es nicht persönlich genommen, dass sie in meinem Unterricht einen Regelverstoß begangen hat. Das Ganze ist ein Teil des Spiels zwischen Lehrkräften und Schüler*innen.

Mir fällt es leichter, Regelverletzungen nicht persönlich zu nehmen, wenn ich mich daran erinnere, dass ich als Schüler selbst nicht zu den ganz Braven gehört habe. Ich habe mich keineswegs immer an die Regeln gehalten. Manchmal bin ich damit durchgekommen – weil ich nicht erwischt wurde. Oder weil es mir gelungen ist, mit entwaffnendem Charme die Lehrer milde zu stimmen. Manchmal bin ich auch nicht damit durchgekommen und dann habe ich die Strafe akzeptiert und die Sache sportlich genommen.

Eine Sanktion nach einem Regelverstoß sportlich zu nehmen, fällt leichter, wenn man von der Sinnhaftigkeit der Regeln überzeugt ist. Oder zumindest von der Sinnhaftigkeit dessen, dass es Regeln gibt. Ich habe den Eindruck, dass das bei den meisten von Euch der Fall ist. Im Reli-Unterricht kommen wir immer mal wieder auf Regeln zu sprechen. Auf die 10 Gebote zum Beispiel. Und auch wenn die die persönliche Freiheit ein Stückweit einschränken, höre ich von Euch immer wieder große Einigkeit, dass es gut ist, dass es sie gibt.

Ab und zu gibt es aber auch Auszeiten von Regeln. Die Fasnet ist so eine Auszeit. Da gehört es sogar dazu, dass manche Regeln überschritten werden. Aber ist so ein geordnetes Regelüberschreiten in der Gemeinschaft der Narren nicht ein bisschen sehr zahm? Besonders viel Mut gehört jedenfalls nicht dazu, wenn alle mitmachen und man weiß, dass es keine Sanktion geben wird, weil Fasnet ist. Revolution sieht irgendwie anders aus.

Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Wird das Überschreiten von Regeln bei der Fasnet nicht selbst zur Regel? Gehört es nicht zum guten Ton? Vielleicht. Aber letztlich bleibt es jedem und jeder selbst überlassen, ob man sich pflichtschuldigst eine Pappnase aufsetzt und einen unanständigen Witz reißt oder eben nicht. Mitfeiern geht auch ohne diese regelkonformen Regelverstöße.

Trotzdem: Bleiben in dem ganzen närrischen Treiben nicht auch einige Regeln bestehen? Na hoffentlich! Es gibt Regelverletzungen, die sind einfach daneben, auch wenn die Stimmung noch so ausgelassen ist. Menschenverachtende, diskriminierende Witze zum Beispiel. Zwischenfazit: Also auch bei der Fasnet – oder bei vergleichbaren kleinen Fluchten aus dem geregelten Alltag – erfolgen Regelverletzungen in der Regel mit angezogener Handbremse. Und das ist gut so. Es soll ja niemand ernsthaft zu Schaden kommen.

Dahinter steht eben die Erkenntnis, dass Regeln zwar manchmal anstrengend oder lästig sind, aber grundsätzlich gut und notwendig. Wie gesagt: Regeln lassen sich leichter akzeptieren, wenn ihr Zweck einleuchtend ist. Das ist aber nicht immer der Fall. Zum Handyverbot z.B. gehen in der Schülerschaft gehen die Meinungen ziemlich auseinander. Eine Mehrheit ärgert sich darüber, aber längst nicht alle. Im Kollegium ist das Bild einheitlicher. Das Ablenkungs- und Suchtpotenzial ist nun mal erwiesen. Also: Auch wenn das Handyverbot Vielen von Euch nicht schmeckt, ist es doch keine Willkür, sondern hat einen guten Sinn. Und selbst wenn Ihr den in diesem Fall vielleicht nicht einleuchtend findet, habe ich den Eindruck, dass trotzdem bei Vielen ein Grundvertrauen da, ist dass wir in Eurem Interesse handeln und uns Euer Wohl am Herzen liegt.

Das bringt mich zu einem letzten Gedanken: Regeln sind dann vertrauenswürdig, wenn ihr Urheber vertrauenswürdig ist. Das lässt sich auch in der Bibel beobachten. In der Tora gibt es eine Fülle von Regeln. Das führt manchmal dazu, dass Christen meinen, das Alte Testament stehe für Gesetz und das Neue Testament für Freiheit. In der Folge ist verbreitetes Vorurteil gegenüber Juden, dass sie zwanghaft regelfixiert bzw. völlig humorlos im Umgang mit Regeln seien. Das ist ein Missverständnis. Sie sind von der Sinnhaftigkeit der Regeln der Tora überzeugt, weil sie dem vertrauen, der diese Regeln gegeben hat, nämlich Gott. Im Judentum gibt es eigenes Fest dazu: Simchat Tora, das Fest der Freude an der Tora.

Der mit 176 Versen mit Abstand längste Psalm der Bibel ist ein einziges Loblied auf das Gesetz Gottes. Ich zitiere nur einige wenige Verse aus diesem Ps 119: „Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. Deine Gebote will ich halten; verlass mich nimmermehr! … Ich freue mich über den Weg deiner Zeugnisse wie über allen Reichtum. … Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. … Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“

Diesen freudigen und gelassenen Umgang mit Regeln versuche ich für mich zu übernehmen: Ich bin dankbar dafür, dass Gott uns Regeln gegeben hat, die dem Leben dienen. Ich bin dankbar, dass Menschen diese Regeln für unsere Wirklichkeit anpassen, auch wenn ich im Einzelfall nicht immer ganz überzeugt bin, dass es ihnen gelungen ist. In der Regel halte ich mich an Regeln. Kleine Auszeiten tun aber mal ganz gut.

So sei Euch der Spaß an der Fasnet gegönnt. Kommt erholt und gut gelaunt wieder und lasst Euch erneut auf die hier geltenden Spielregeln oder auch das Spiel mit den Regeln ein.

Arnold Glitsch-Hünnefeld