Schulentwicklung im Überblick

Festrede zum 80-jährigen Jubiläum am 25.9. 2026

Auferstehung II

… so heißt das von Otto Dix 1946 gemalte Ölbild, das seit kurzem wieder in Gaienhofen zurück ist. Es wurde 1961 von der Internatsschule erworben, zur Begleichung von Schulkosten seiner Kinder – und entschwand 1964 mit dem damaligen Schulleiter, Pfarrer Günther Adolf, bei dessen Berufung zum Oberkirchenrat als Dauerleihgabe nach Karlsruhe. Dass es 62 Jahre gedauert hat, bevor das Bild zurückkam, ist eine eigene Geschichte.

Mir scheint der Titel passend für mein Anliegen, die Geschichte dieser Evangelischen Schule an ein paar Wegmarken und großen Wendepunkten zu skizzieren.

Die Neugründung nach dem 2. Weltkrieg war die „Auferstehung I“ dieser Schule seit Gründung als 1. Deutsches Landerziehungsheim für Mädchen zu Ostern 1904.

Die Initiatoren, Pfarrer Senges aus Wollmatingen sowie Dekan Mono, Konstanz, verstanden ihre Absicht, eine evangelische Internatsschule am Bodensee zu betreiben, als moralische Verpflichtung  für die Christen „angesichts der innenpolitischen, gesamtgeistigen und pädagogischen Situation […] Mono schreibt dazu weiter: „… überdies war ich in jenen Wochen ohnehin mit der Frage beschäftigt, auf welchem Wege das Schulwesen aus der geradezu gewalttätigen Umklammerung durch den Staat herausgelöst werden könnte, einer Umklammerung, die den Mißbrauch der Schule als politisches Propaganda-Instrument in sich schloß. Als ein Weg zu diesem Ziel bot sich jedenfalls […] die kirchliche Privatschule an, … unter der Voraussetzung, daß sie in ihrer inhaltlichen und formellen Ausgestaltung frei sein würde.“ [i]

Am 17. September 1945 kam es zum Abschluss des Pachtvertrags zwischen Frau Dr. Müller und der Evangelischen Landeskirche als Pächterin. Der Vertrag wurde  „zum Betrieb eines christlichen Landerziehungsheims“ geschlossen. Am 7. Januar 1946 begann darin der Unterrichts- und Internatsbetrieb der Schule wieder, aber koedukativ . „Die Schülerzahl belief sich für den Anfang auf 62, darunter 24 Katholiken.“[ii] Zunächst ging der Betrieb mit noch vorhandenen Lehrkräften in der „alten“ Konzeption los, aber nach einem klaren Wort des Oberkirchenrats vom 15.2.1946 war es mit dem Schwanken zwischen DLEH und einer neuen, dezidiert evangelischen Konzeption vorbei: „Das Unternehmen muß … so aufgezogen sein, daß es die Gewähr bietet, … dem Zweck der Erziehung unserer evangelischen Jugend im Geiste des Evangeliums und der Kirche … unmißverständlich zu dienen.“[iii] In der Folge kam es zu bedeutenden Wechseln in der Lehrerschaft.

Ein Eintrag in den Akten des EOK in Karlsruhe belegt, „dass in der Gründung und Durchführung solcher betont christlicher Schulunternehmen eine legitime kirchliche, missionarische und seelsorgerische Aufgabe liegt, letzteres im Sinne der Einzel- und der Volksseelsorge.“[iv] „Schulgemeinde“ wurde hier nicht mehr pädagogisch wie in den LEH, sondern in Analogie zur Kirchengemeinde gesehen. Die Evangelische Kirche kam also unmittelbar nach Kriegsende bewusst – auch: schuldbewusst? – einer Aufgabe nach, die sie als Auftrag immer schon hat!

Also: 1946 die Auferstehung als Internatsschule mit anderer Konzeption und neuem Träger, einem „e.V.“. In der schließlich im Mai 1948 ins Vereinsregister eingetragenen Form war aus dem „Christlichen Landerziehungsheim Gaienhofen“ die „Christliche Internatsschule Schloß Gaienhofen“ geworden, mit einer Trennung in Internat und Schule. Der „Internatsdirektor“ war der Leiter der Anstalt, und der musste Pfarrer sein. Die Mitgliederversammlung wählte 4 Verwaltungsräte, und ein Vertreter des Oberkirchenrates sowie der Internatsdirektor waren geborene Mitglieder. Die Struktur hielt sich bis zum Übergang in die Schulstiftung 2002, allerdings war da der Verwaltungsrat auf 17 Personen angewachsen, mit einer erweiterten Schulleitung, gewählten Vertretern der Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft und des „Freundes- und Förderkreises“.

1953, mit der staatlichen Anerkennung als mathematisch-naturwissenschaftlichem Gymnasium, waren die Externenprüfungen in Konstanz beendet, 1955 dann die Gründung des eben genannten „Freundeskreises“, der 1982 mit dem mittlerweile bestehenden „Förderkreis“ fusionierte. 1961, mit Neubau des Schulgebäudes, wurde der Name in „Evangelische Internatsschule Schloß Gaienhofen – Ambrosius-Blarer-Gymnasium“ geändert. Ende der 50er Jahre bereits wurden auch die ersten Internatshäuser im Dorf gebaut, „Gütebohl“ und „Erlenloh“, das Heim „Bella Vista“, Marbach, erworben.

Ich stelle die strukturellen und formellen Veränderungen zur Vorgängerschule so ausführlich dar, um zu zeigen: ja, wir haben es hier mit einer Neugründung zu tun, an einem reformpädagogischen Schulort. Wir werden noch sehen, dass diese reformpädagogische Ader nie verschwinden und hier weiterhin an pädagogischen Reformen gearbeitet werden wird, mit Wirkung weit über die Schule hinaus.

Im Schul- und Internatsleben finden sich Traditionslinien, die im LEH schon wichtig waren: die erste Theateraufführung 1950, Englisch als 1. Fremdsprache 1958, Schüleraustausch ab 1965, Einweihung des Bootssteges 1967. Die Mädchen des LEH waren bereits mit Ruderbooten auf dem See unterwegs, jetzt aber wird daraus eine auch am Leistungssport orientierte „Ruder-AG“ – eine von vielen „Arbeitsgemeinschaften“, immer um die 20 herum, in denen die Internen und zunehmend die Externen Selbstwirksamkeit erfuhren. Sie waren mit „echten“ Aufgaben betraut, etwa in der Jugendfeuerwehr (ab 1972), sie übernahmen als Mentoren in weiteren Sportbereichen Verantwortung – damals Hockey, bis heute Segeln, Kajak, als Sanitäter, in der DLRG – sie probierten sich in den Werk- und Kunst-AGs aus, in den Kantoreien und Orchestern, mit entsprechenden „Fahrten“ auch ins Ausland. Und damit waren und sind viele Bereiche dieser Schule stark von den Schüleraktivitäten geprägt, die nicht unmittelbar Unterricht sind, die „Gemeinschaft“ über die Klassengemeinschaft hinaus leben. Ich sehe darin weiterhin einen reformpädagogischen Charakter: den einzelnen Schülerinnen und Schülern eigene Verantwortungsbereiche zu übertragen, in der Schulgemeinde und in der richtigen Welt, und ihnen die charakterbildende Erfahrung zu ermöglichen: ich kann das, man kann sich auf mich verlassen!

Aber auch im Unterricht ist man in Gaienhofen reformfreudig: 1972 wird das ABG anerkannte Versuchsschule des Landes für die sog. „Reformierte Oberstufe“, in Gaienhofen findet der erste Leistungskurs in Evangelischer Religion statt, 1978 und 79 folgen die Leistungskurse Sport und Musik. 1984 wird das Gymnasium um den neusprachlichen Zug erweitert; gleichzeitig wird der „Computerunterricht“ für die Klassen 8 bis 10 eingeführt, vor über 40 Jahren also!

Diese Neugründung – Auferstehung I – ist erfolgreich. Jedenfalls steigen die Schülerzahlen kontinuierlich an: 1963 sind es 300, davon etwa 210 im Internat. Dieses Verhältnis Extern zu intern, 1/3 zu 2/3 bleibt noch 10 Jahre so bestehen. Aber ab 1975 steigt die Gesamtschülerzahl auf über 500, bei kontinuierlichem Absinken der internen Belegungen ab 1980 auf um die 100. Schloß Gaienhofen trägt weiterhin den Namen „Evangelische Internatsschule“, später „Evangelisches Internatsgymnasium“, aber die Internenzahlen verharren bei etwa 100, ab Ende der 1990er Jahre auch darunter, während die Gesamtschülerzahl auf 530, 540 anwächst.[v] Im neuen Jahrtausend dann war das Verhältnis vollends auf knapp 1 : 6 angewachsen (83 im Internat, von 550 gesamt). Eltern suchten aber oft eine „richtige“ Internatsschule, also eine, in der zumindest die Mehrheit der Schüler auch in der Schule wohnt.

Wir nähern uns einem weiteren Wendepunkt in der Geschichte dieser Schule – gewissermaßen der Auferstehung II: dem Übergang von der Internats- zur Regionalschule.

Voraussetzung dafür ist die Gründung der Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Baden, die 2002 drei Gymnasien zusammenführt, das Johann-Sebastian-Bach Gymnasium Mannheim, die Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg und das Evangelische Internatsgymnasium Schloß Gaienhofen. Die bisherigen Trägervereine geben ihre Aufgabe an die neue Schulstiftung ab, die Evangelische Landeskirche stellt ein Stiftungskapital zur Verfügung und sagt die weitere Bezuschussung der Schulen zu. In §2 der Gründungssatzung steht: „Zweck der Stiftung ist die Förderung des evangelischen Schulwesens, insbesondere durch den Betrieb und die Unterhaltung von Schulen und Internaten evangelischen Charakters im Bereich der evangelischen Landeskirche in Baden durch die Stiftung als Schulträger.“[vi]  Zugleich formuliert diese Satzung an ihre Schulen gerichtet: „Als Schulen in freier Trägerschaft wissen sich die evangelischen Schulen und Internate dem Auftrag verpflichtet, Innovationen für das Schulleben zu fördern und den Ansprüchen einer modernen Schule zu genügen.“[vii] Die Schulstiftung wurde zum Erhalt und zur Förderung von Schulen und Internaten gegründet. Worin deren spezifischer Daseinsgrund liegt, wurde von Udo Beenken 1998 noch so formuliert: „Tag- und Nacht-Internate … sind Häuser, die das Zusammenleben Tag und Nacht wollen. Aber … ‚Tag und Nacht‘ bedeutet auch, dass wir ohne Klage und ohne Vorwürfe die Tagseite des jugendlichen Lebens wie die Nachtseite aushalten; [… diese Nachbarschaft nicht wegzuerziehen, sondern darin zu leben mit Geduld, Zuwendung, Trost und Vergebung ist… christliche Erziehung. […] Das Internat war ein zweites Zuhause; und … für viele war es das erste Zuhause.“[viii]

Dass es dann doch so kam für die eine, verbliebene Internatsschule – die beiden anderen Gründungsschulen hatten bereits 1986 und 1996 ihre Internate geschlossen –, dass von diesem Zuhause in der Vergangenheit zu sprechen ist, hat mit den Zahlen und mit den Zusicherungen des neuen Trägers zu tun:

Mitte der „Nuller-Jahre“ war der Sanierungsbedarf unübersehbar. Erste Kostenschätzungen beliefen sich auf 4,5 Millionen Euro, nur für die Internatsgebäude, ohne Mensa! Und ohne einen einzigen Euro für die schulische und unterrichtliche Infrastruktur. Durch die gewachsene Schülerzahl wurde in Kellerräumen unterrichtet, die Naturwissenschaften lebten vom Charme der Ersteinrichtungen, der Schulhof war zu klein, die Boote für den Wassersport wurden vom sog. Ruder- und Segelkeller im Bereich der Kirche jedes Mal ans Wasser runtergetragen. Das Schloss, der Marstall und das Verwaltungsgebäude lagen jenseits des Schlossgrabens, abgetrennt von der Schule, manche externe Schüler wussten gar nicht, dass dieser Bereich auch dazu gehörte.

So wurde die Schulleitung 2009 von der Schulstiftung beauftragt, ein tragfähiges Konzept für die Zukunft zu entwickeln, das im Folgejahr mit dem „Masterplan Gaienhofen 2020“ vorlag.

Den darin entwickelten Ideen zur Stabilisierung des Internats und zur Zukunftssicherung der Internatsschule, u.a. die Erweiterung des Einzugsgebiets und die nochmalige Erweiterung des schulischen Angebots, nach Gründung eines Wirtschaftsgymnasiums 2009, um eine Realschule und ein Tagesinternat, konnte sich das entscheidende Gremium der Schulstiftung nicht in allen Teilen anschließen. Der Stiftungsrat votierte im September 2010 endgültig für die Schließung des Internats, aber den weiteren Ausbau der Schule. Der Beschluss rief heftige Kritik hervor, viele Ehemalige wandten sich zunächst an den Träger mit Unterstützungsangeboten zum Erhalt des Internats, danach gegen die Schulstiftung und die Schule. Der „Freundes- und Förderkreis“ drohte an dieser Entscheidung zu zerbrechen und sich aufzulösen. Es gab Tumulte bei der entsprechenden Mitgliederversammlung.

Wir hatten von da an den Masterplan als Bauplan für die Zukunft der Schule; alle Zusagen incl. die der Re-Investierung des Verkaufserlöses der Internatsgebäude im Dorf, Jahre später, wurden von Karlsruhe eingelöst. Mit den Worten des damaligen Vorstands der Schulstiftung, Prof. Schneider-Harpprecht, bei der Einweihung der neuen Schulgebäude 2016: „Viele wollten nicht glauben, dass ein neuer Aufbruch möglich und gewollt ist. In den alten Räumen wurde Neues entwickelt und weitergeführt.“[ix] Und er sprach von dieser Schule als „[…] Ein Raum, in dem die Erinnerungen wachgehalten, die Tradition immer neu vergegenwärtigt, die Gegenwart sorgsam bedacht und Zukunft eröffnet wird.“[x]

Wir hatten schon vor 2010 konzeptionelle Grundlagen für eine pädagogische und schulische Weiterentwicklung in Verbindung mit dem evangelischen Profil gelegt:

Zuerst wurde ein neues Schulfach erfunden, genehmigt und implementiert, 2004-2006:  angelehnt an die universitäre und kirchliche Wirtschaftsethik, entwickelten 3 Lehrer der Schule und ein Wissenschaftler von außen das Oberstufenfach „Wirtschaft und Verantwortung“, bilingual bis zum Abitur unterrichtet als „Global Studies“.[xi] Damals gab es noch kein Fach „Wirtschaft“ am Gymnasium, das kam erst schrittweise ab 2016. Und unter, man höre, „besonderer Berücksichtigung von wirtschaftsethischen Fragen.“ Auch jetzt wieder gehen Reformimpulse dieser Schule im Land Baden-Württemberg ein, wie zuvor beispielsweise das „Sportmodell“ mit seinen von den Schülern selbst zu wählenden trimesterweisen Schwerpunkten oder als „Pilotschule“ für Selbstevaluation 2005/06, wo wir in 2 Qualitätsbereichen – Unterrichtsqualität in der Unterstufe und Organisationsqualität der Schulleitung – an das „Landesinstitut für Schulqualität und Schulentwicklung“ berichteten.

Damit ist ein zentraler Begriff für die letzten beiden Jahrzehnte gesetzt: eine konzeptgeleitete Schulentwicklung, unter Einbeziehung aller Anspruchsgruppen.

Anlass für alle Baumaßnahmen war die Zusage der Schulstiftung, Schloss Gaienhofen auszubauen, letztlich aber die Zunahme der Schülerzahlen, auch aufgrund der Erweiterungen der Schularten. Ohne das Fach „WuV“ / BaS“ kein Wirtschaftsgymnasium, 2009 gegründet, gefolgt von der Realschule 2011. 2012 dann das hier sogenannte „Megaabitur“, erstmals im WG und im 8jährigen, letztmals im 9jährigen Gymnasium, mit 140 Abiturientinnen und Abiturienten. Das WG war ab 2010 durchgängig zweizügig, später auch wg. hoher Übergangsquoten in das berufliche Gymnasium aus der eigenen Realschule. Das Konzept G8 und G9 als Wahlmöglichkeit ging auf.  – Bis 2016, dem ersten Abschlussjahr der Realschule, stieg die Schülerzahl auf 761 an. 2022 waren es 781, heute sind es etwa 830!

Spätestens mit Gründung der Realschule war eine Reform der inneren Organisationsstruktur fällig: die Abteilungen der Schule gliederten sich jetzt, ab 2013, nicht mehr nach Fächern, sondern nach Stufen, schulartübergreifend. Es wurden jeweils 2 Jahrgänge zusammengefasst, mit Stufenkoordinatoren und Abteilungsleitern. Hinzu kam die „Gelenkstufe“, Jahrgang 11 im Eingang des beruflichen Gymnasiums – mit einem SG und im Aufbaugymnasium ab 2016. Alle neuen Schularten wurden von der Schulaufsicht binnen Jahresfrist staatlich anerkannt!

Trotz dieser Ausdifferenzierung der Schularten blieb das Selbstverständnis immer: Wir sind eine Schule und kein Schulzentrum, und die Schüler sind Teil der Gaienhofener Schulgemeinde, ohne Unterscheidung nach Abschlüssen. Ein zentrales Moment für die Konzeption der Gebäude war diese Struktur: Der Campus gliedert sich in Ober- Mittel- und Unterstufe, was im Gutachten der „Projektgruppe Kirchliches Bauen“ (Prokiba) so empfohlen wurde: „die Pädagogik (reformpädagogischer Ansatz) soll sich im Gebäudekonzept widerspiegeln“.“[xii]

Grundlage für diese Art des Ausbaus war die methodisch-didaktische Konzeption, die wir aus der konstruktivistischen Didaktik entlehnt haben

und die sich über mehrere Jahre in Form eines Methodencurriculums und im Ansatz des „individualisierten“ oder „personalisierten“ Lernens ausdifferenzierte. Gemeint ist damit ein Perspektivwechsel, weg von lehrerzentrierten Lehr- Lern- Arrangements, hin zum Lerner und zum Lernen als individuellen, aktiven Prozess.

Räumlich umgesetzt wurde das erstmals im „Lern- und Medienhaus“, 2012 eingeweiht, sowie in allen anderen, mittlerweile um- oder neugebauten Unterrichtsgebäuden: einem größeren „instruction room“ oder „Klassenraum Plus“ gliedern sich kleinere Räume oder Differenzierungsflächen an. 2016 im Campus- und Musikgebäude sowie im Schloss und im Marstall, 2019 im neuen Unterstufengebäude, 2021 im Mittelstufenbau und den Naturwissenschaften.

Ab 2012 bereits gehört die Schlossschule zu den Vorreitern individualisierten Lernens mit iPads, der erste Wagen zum Aufladen von 50 Geräten gleichzeitig wurde für die Schule hier als Prototyp gebaut. Bald wurde daraus das Konzept des „BYOD“. Wir berichteten regelmäßig über unsere Arbeit, im Rahmen von Schulbundtagungen oder in Berlin bei „Bildung Digitalisierung“ oder beim 6. Bundeskongress Evangelischer Schulen 2014 in Stuttgart, auch in Zeitschriftenaufsätzen oder Jahr- und Handbüchern. Vorgängig war immer eine Unterrichtsentwicklung, die mit der Personalentwicklung Hand in Hand ging – ausgesuchte Neueinstellungen (Personalaufwuchs aufgrund der wachsenden Schülerzahlen!) und viele Fortbildungen durch die „Pioniere“ des Prozesses, also nicht: one-shot-Fortbildungen irgendwo, sondern hausinterne professionelle Lerngemeinschaften, die stufenspezifisch entwickeln, erproben, etablieren.

„Darstellbar“, wie das heute heißt, ist der ganze Aufbau nur mit einer konsequenten Finanzierung durch den Schulträger sowie die Unterstützung vieler weiterer Sponsoren, die teils in bedeutender Größenordnung den Aus- und Neubau der Infrastruktur, die technische Ausstattung, die Außengestaltung und diverse Anschaffungen ermöglicht haben: die Schulstiftung hat, wenn ich recht mitgerechnet habe, bis zum Abschluss der Gebäudesanierungen mit Neubauten ca. 18,5 Mio € investiert, der Ausbau der digitalen Ausstattung schlug mit etwa 500 T€ zu Buche. Die Gemeinde Gaienhofen, die Messmer-Stiftung, der FFK und der Schulverein sowie private Spender trugen alle zum Gelingen dieses großen Schulentwicklungsprojekts bei.

Das eingangs erwähnte Ölgemälde „Auferstehung II“ blitzte immer mal wieder während der Bauphase auf:

Wenn es an der Finanzierung einzelner Notwendigkeiten oder Wünsche klemmte, wurde mein Hinweis: „Wir haben ja noch den Dix!“ regelmäßig abschlägig beschieden: „Aber Herr Toder, Sie wollen doch wohl keinen Dix für ein paar Steine verkaufen!“. Nun, es ging dann doch immer ohne…

In den vergangenen 80 Jahren hat diese Schule manche Wandlungen erfahren, aber eines blieb immer bestehen: die einmalig schöne Lage direkt am See, in historischem Ambiente. Schloss und Bodensee im Namen sind jetzt von überall auf dem Schulgelände sichtbar. Auch konstant: Die Schülerinnen und Schüler finden hier einen „Lebensraum“ und nicht nur einen „Lernort“, der durch besondere Schwerpunkte in der pädagogischen Arbeit gestaltet wird: Musik, Wassersport, Kunst und Technik, Arbeitsgemeinschaften – und die 2020 renovierte Kirche auf dem Schulgelände als sichtbares Zeichen dafür, dass hier eine evangelische Schule steht, und als fester Bestandteil im wöchentlichen und jährlichen Kreislauf. Ein Schulpfarrer wirkt – begleitet durch die Kantoreien – bei Andachten und Feiern, Schüleraufnahmen und Gottesdiensten, auch zu großen Ereignissen, wie bei der nachfolgenden Amtseinführung. Das christliche Weltbild prägt den alltäglichen Umgang miteinander, die Gewissheit, als Mensch mit Fehlern und Schwächen, als Geschöpf Gottes ohne Vorleistung angenommen zu sein, ist spürbar, auch ohne Internat.

Praktika und Kooperationsverträge mit sozialen Trägern, Hochschulen und Firmen sowie Informationsforen durch den FFK bereiten auf Berufs- und Studienwahl vor; die Schule ist mehrfach mit dem BORIS – Siegel („Berufsorientierung in Schulen“) ausgezeichnet; die „Partnerschule für Europa“ des Landes hat Partnerschulen in Frankreich und Spanien, aber auch in Indien, Australien und Ecuador; es gibt einen bilingualen Unterrichtszweig bis zum Abitur; seit kurzem ist die Schule im Netzwerk „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ engagiert.

All diese Konstanten prägen ganze Schülergenerationen; sie bilden die andere Seite zu den steten und starken Innovationen, die diese Schule, ja alle Schulen der Schulstiftung im Kern ausmachen.

Wichtig ist mir an dieser Stelle die Betonung der „freien Schule“. Ich zitiere wieder Udo Beenken: „Wir sagen lieber Schule in freier Trägerschaft, freie Schule und als solche eine öffentliche Schule. Wir sind Teil des aus staatlichen und freien Schulen bestehenden öffentlichen Schulwesens. […] Wir wissen es nicht besser, sondern wir sind und bleiben auf der Suche.“[xiii] – Also: Wir sind gleichwertig mit staatlichen Schulen, aber nicht gleichartig! Wir können Dinge angehen und ändern, die anderswo noch nicht so weit sind.

In den letzten 20 Jahren waren zweimal die Kultusminister des Landes hier, Herr Rau 2006 zur offiziellen Genehmigung des Faches „Wirtschaft und Verantwortung“, und Frau Dr. Eisenmann stellte im November 2018 fest: „Die Schule Schloss Gaienhofen ist bei der Digitalisierung erschreckend weit!“

Ich wünsche den nachher ins Amt einzuführenden neuen Leitern, der neuen Kantorin sowie allen Kolleginnen und Kollegen, Eltern und Schülern den Mut, diese Freiheit der freien Schule auch zukünftig zu leben. So entstehen weiterhin Alleinstellungsmerkmale, die Lust auf Schule machen können. Alle, die Teil dieser Schulgemeinde sind, können vertrauen auf eine ermutigende Geschichte, die über das Heute hinausweist.

An dieser Schule wird bei Abiturreden immer wieder mal Odo Marquardt zitiert: „Zukunft braucht Herkunft“, erst letztes Jahr von 2 Abiturientinnen selbst.

Das zeigt mir: die Bedeutung des in den letzten 80 Jahren unter dem Schirm der Evangelischen Landeskirche bis hierher Gewachsenen ist auch den Absolventinnen und Absolventen sehr bewusst. Und für sie, die Schülerinnen und Schüler, veranstalten wir doch das ganze Unternehmen!

Bei der Menge an „Herkunft“ kann man sich – trotz aller Herausforderungen in der sog. VUKA-Welt, auch für die Schulstiftung – auf die „Zukunft“ von „Schloss Gaienhofen. Evangelische Schule am Bodensee“ freuen!

[i] F. Mono: Unter dem Turmkreuz. Erinnerungen zur Geschichte der Evangelischen Internatsschule Schloß Gaienhofen. Herausgegeben von Klaus Mono, Radolfzell, 1980, S. 26

[ii] Ebda., S. 33

[iii] Zit. nach Mono, S. 32

[iv] Akten des EOK Karlsruhe, 33/9, Bd. I, zit. nach F. Mono, a.a.O. S. 25.

[v] Vgl. Schloss Gaienhofen. Evangelisches Internatsgymnasium am Bodensee (Hrsg.): 60 Jahre. Wegmarken 1946-2006. Gaienhofen / Weingarten 2006, S. 205.

[vi] Zit. nach: M. Trensky: Standortbestimmung. „Im Spielraum christlicher Freiheit“. In: 60 Jahre. Wegmarken…, a.a.O. S. 15

[vii] Ebda., S. 15

[viii] U. Beenken: Soll Kirche Schule machen? Abschiedsgottesdienst 1998. In: 60 Jahre. Wegmarken…, a.a.O. S. 30f.

[ix] Chr. Schneider-Harpprecht: Predigt zur Einweihung der neuen Schulgebäude. In: Die Bücke. Jahrbuch 2016. Hrsg. Schloss Gaienhofen, Evangelische Schule am Bodensee, Ambrosius-Blarer-Gymnasium mit Wirtschaftsgymnasium und Realschule, S. 12.

[x] Ebda., S. 9

[xi] Vgl. K. Dinkelaker, G. Niemeyer, O. Nöldeke: Wirtschaft und Verantwortung. Business and society. Der Weg zu einem neuen Schulfach. Von der Idee zur Praxis, hrsg. von Schloss Gaienhofen, Gaienhofen 2006.

[xii] J. Keller, A. Burmann: Prokiba – Gutachten. Karlsruhe 2012, S. 7.

[xiii] U. Beenken: Soll Kirche Schule machen? a.a.O., S.29f.

Dieter Toder, 25.9.2026

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