Eine Abipflichtlektüre wird lebendig
Aufführung des Theaters „Mobile Spiele“

Die Wände eines Gerichtssaals aus aufgeklappten Leitz-Ordnern, Gerichtsschreiber und -rat als Frauenfiguren, Simultanszenen aus Videoeinspielungen, bewegten Puppen und Live-Darstellungen: das Theater MobileSpiele aus Karlsruhe scheut keine Mühen, die moralische Ordnung im Drama „Der zerbrochene Krug“ und das Bild des Werks in den Köpfen der Schüler der Evangelischen Schule Schloss Gaienhofen gleichermaßen auf den Kopf zu stellen.
Kleists bekanntestes Werk „Der zerbrochene Krug“ gilt als eines der wichtigsten Werke der deutschen Literatur und ist Pflichtlektüre für das schriftliche Abitur in Baden-Württemberg. Es thematisiert die schwierige Wahrheitsfindung, Korruption sowie Machtmissbrauch durch den Dorfrichter Adam, der seinen eigenen nächtlichen Übergriff auf eine junge Frau vertuschen will. Der Verfall moralischer Werte, die Brüchigkeit der Ordnung sowie die geschlechtsspezifische Ausbeutung werden kritisch dargestellt. Dieser komplexen Aufgabe stellten sich die beiden Schauspieler Vanessa Silva-Bauer und Rouven Honnef vom Theater Mobile Spiele in Karlsruhe, das bereits mehrfach in der Evangelischen Schule zu Gast war.
Die Regie der Aufführung setzte auf eine Vielzahl von innovativen Elementen. So wurden sowohl der Schreiber Licht als auch der Gerichtsrat Walter von einer Schauspielerin verkörpert, was beiden Figuren und damit dem Stück einen emanzipatorischen Reiz verlieh. Die Kommunikation mit der Magd (und einem Knecht?) wurde durch eine originelle Gegensprechanlage aus Dosen realisiert, aus denen zum Schein Stimmen aus dem Off erklangen. Das Bühnenbild war ein Highlight: Wände aus Leitz-Ordnern, die auch als Türen fungierten, verbargen hinter sich das Versteck für die im Dienst nicht zulässigen Schnapsflaschen des Richters Adam und lebensgroß angedeutete Puppen-Torsi, die von den beiden Schauspielern zum Leben erweckt wurden und das Personal des Stücks kreativ erweiterten.
Besonders eindrucksvoll war das Zusammenspiel verschiedener Visualisierungsebenen der Inszenierung: ein roter Faden, der sich vielfach über die Bühne spannte, überzeugte als Metapher für Adams Lügenkonstrukt. Videoeinspielungen, die die Live-Szenen mit einer Parallelhandlung versahen, Szenen mit bewegten Puppen, die sich dynamisch mit den Live-Darbietungen abwechselten und die beiden Schauspieler, die nahtlos und scheinbar ohne Mühe in teils unterschiedliche Charaktere schlüpften: die Doppelbödigkeit der Handlung konnte nicht überzeugender bewusst gemacht werden und ermöglichte den Schülern neue und innovative Zugänge zu einem Werk, von man glaubt, es sei alles gesagt.















