„Wenn wir die Schulen erhalten, erhalten wir auch die Kirchen.“

Festrede zum 80-jährigen Jubiläum: Schloss Gaienhofen als Evangelische Schule

In meiner Ansprache möchte ich Ihnen in drei Perspektiven die Bedeutung des evangelischen Schulwesens für die Gesellschaft und die Landeskirche darlegen: In der ersten Perspektive nehme ich eine historische Betrachtung vor. Die zweite Perspektive erläutert die gesellschaftliche Reichweite der evangelischen Schulen. Und in der dritten komme ich konkret auf unsere Stiftungsschulen zu sprechen.

Erste Perspektive:
Es gab nicht immer Schulen, wie wir sie heute kennen. Erstmalig wurden unter der Herrschaft Karls des Großen im 8. Jahrhundert Klosterschulen errichtet. Er etablierte damit ein allgemeines Schulwesen, das durch das Reich geleitet und durch die Klöster ausgeführt wurde. Dort konnten sich nicht nur die eigenen Mönche, sondern auch Laien und Kleriker fortbilden. Karl der Große interessierte sich selbst für Grammatik und Rhetorik. Diese Disziplinen wurden fortan an den Klosterschulen gelehrt.

Nichtsdestotrotz war im Mittelalter Bildung nur wenigen vorbehalten. Kloster- und Lateinschulen standen einer kleinen privilegierten Minderheit offen. Erst die Reformatoren erkannten im 15. Jahrhundert Bildung als Aufgabe für alle Menschen.
Die Evangelische Kirche sieht sich deshalb in besonderer Weise der Bildung verpflichtet. Sie führt diesen Gedanken auf Philipp Melanchthon zurück. Dieser gilt als Reformgeber des Bildungssystems.

Er erhielt deshalb später den Ehrentitel Praeceptor Germaniae, Lehrer Deutschlands. Die Reformation hat nicht nur Kirche und Glauben verändert. Sie hat auch das Bildungswesen nachhaltig geprägt. Von Anfang an war Bildung im evangelischen Verständnis mehr als Qualifikation. Sie war und ist Ausdruck der Überzeugung, dass jeder Mensch Geschöpf und Ebenbild Gottes ist und deshalb Würde besitzt, unabhängig von Herkunft, Begabung, sozialem Status oder späterem Lebensweg.

Martin Luther, Philipp Melanchthon und viele andere waren überzeugt: Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, selbst zu lesen, zu verstehen, zu urteilen und Verantwortung zu übernehmen. Jeder Mensch soll Zugang zum Evangelium haben. Dafür braucht es Bildung, alleine schon die Fähigkeit zu lesen. Philipp Melanchthon betonte insbesondere die Fertigkeiten in Grammatik, Dialektik und Rhetorik. Sein Bildungsprogramm zielte deshalb auf Sprache, Denken und das Einüben von verantwortlichem Handeln ab.

Er verstand Bildung vor allem als Persönlichkeitsbildung und sah die eben genannten Fertigkeiten als notwendige Grundlage dafür an. Nicht auswendig gelerntes Wissen allein sollte Menschen formen, sondern die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen, Argumente abzuwägen und das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Damit legte der Reformator einen wesentlichen Grundstein für das moderne Bildungswesen. Mir hat beim Lesen seiner pädagogischen Konzeption besonders gut gefallen, dass Melanchthon der Meinung war, dass die Schüler nicht mit zu viel Lernstoff belastet werden sollen. Wichtig waren ihm Gründlichkeit und Wiederholungen. So werde „echte Frömmigkeit anstelle menschlicher Satzungen und scholastischer Unbildung gefördert“.Melanchthon hätte seine Grundüberzeugung zum evangelischen Schulwesen in einem Brief beispielsweise an Martin Bucer so zum Ausdruck gebracht:

„Ehrwürdiger Bruder, es erfreut mich zu hören, dass Ihr Euch mit großem Eifer um die Unterweisung der Jugend bemüht. Denn ich halte dafür, dass nach der rechten Verkündigung des Evangeliums keine Aufgabe wichtiger ist, als die jungen Menschen in Gottesfurcht und guten Wissenschaften zu erziehen.“

Wo die Schulen blühen, da wird auch die Kirche gestärkt; wo aber die Bildung vernachlässigt wird, da geraten Lehre und Gemeinwesen leicht in Verfall. Nicht ohne Grund habe ich oft betont, dass die Schulen und die Kirche miteinander stehen und fallen. Ich zitiere gerne unseren Bruder Martin (gemeint ist Martin Luther): „Wenn wir die Schulen erhalten, wird auch die Kirche erhalten.“ Darum sollen die Kinder nicht allein die Sprachen und freien Künste lernen, sondern auch täglich in der Heiligen Schrift unterwiesen werden, damit Weisheit und Frömmigkeit miteinander wachsen.

Das Evangelium lehrt uns, dass alle Gaben Gottes zum Dienst am Nächsten gebraucht werden sollen. Daher ist rechte Bildung nicht bloß Zierde des Verstandes, sondern eine Schule der Verantwortung und christlichen Liebe.“
Ich habe etwas moderner formuliert zur besseren Verständlichkeit.

Melanchthon hat wiederholt geäußert, dass die Schulen die Pflanzstätten der Kirche und des Gemeinwesens sind. Dies entsprach seiner tiefen Überzeugung, dass Schulen und Kirche untrennbar zusammengehören.

Melanchthon wurde 1497 in Bretten geboren auf dem Gebiet unserer Landeskirche. Dort kann man noch heute das Melanchthonhaus besichtigen. Sollte es deshalb nicht in besonderer Weise in unserer Landeskirche eine Tradition evangelischer Schulen geben?

Und das ist ja auch so: Mit den drei Gründungsschulen der Schulstiftung: der Schlossschule Gaienhofen, dem Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in Mannheim und der Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg gibt es seit 100 Jahren evangelische Schulen in Baden. Diese Schulen sind so traditionsreich und bekannt, dass man ihnen nicht entkommen kann:

Als ich mit meinem Mann vor ein paar Jahren eine Reise nach Lissabon unternahm, haben wird dort einen deutschen Reisleiter getroffen. Er erzählte, dass er vom Bodensee komme aus einem kleinen Ort. Auf meine weiteren Nachfragen kam dann raus, dass er hier in Gaienhofen auf unsere Schule ging und Abitur machte.

Auch bei sonstigen Gelegenheiten außerhalb des Schulkontextes habe ich festgestellt, dass immer jemand jemanden kennt, der auf einer unserer drei großen und alten Schulen war. Die Personen freuen sich dann immer, erzählen von ihrer Schulzeit und finden, dass es eine tolle Schule war und ist.

Zweite Perspektive:
Die gesellschaftliche Reichweite kirchlichen Handelns äußert sich in einer zunehmend säkularen Gesellschaft insbesondere in der Mitwirkung der Kirchen an staatlichen Funktionsbereichen, die sich an die Allgemeinheit richten: wie beispielsweise das Bildungssystem oder auch das Wohlfahrtssystem. Dort wird Kirche auch heute noch von einer breiten Gesellschaft wahrgenommen.

Kirchenleitung könnte – und sollte das meiner Meinung nach unbedingt – ihre Strategie für den Erhalt von Kirche daran ausrichten, Orte zu schaffen, an denen gemeinschaftlich gelernt und gelehrt und gefeiert wird. Orte, die zu einem gelingenden Leben beitragen. Mit den evangelischen Schulen gibt es bereits solche geeigneten Orte in der Landeskirche. So können unsere Schulen auch in Zukunft wichtige Brücken zwischen Kirche, Gesellschaft und den jungen Menschen schlagen.

Unsere Schulen sind auch deshalb ein Bindeglied zwischen dem Staat und der zivilen Gesellschaft einerseits und der Landeskirche andererseits, weil sie mit einem doppelten Mandat arbeiten:
Zum einen müssen die Schulen gegenüber dem Staat, der sie wesentlich mitfinanziert, eine erfolgreiche schulische Bildung nachweisen. In Artikel 7 Abs. 4 GG ist dazu festgehalten:

„Das Recht auf Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.“

Soweit das Grundgesetz.

Die Freiheit der Schulen liegt dann darin, selber zu entscheiden, auf welchen pädagogischen Wegen sie die Schülerinnen und Schüler fördern, damit sie sich die für die Schulabschlüsse nötigen Kompetenzen aneignen können. Auf diese Freiheit komme ich später nochmal zu sprechen.
Zugleich arbeiten sie zum anderen aber auch mit dem kirchlichen Mandat der Kommunikation des Evangeliums.

In der EKD-Schrift „Entscheiden jenseits vertrauter Horizonte“, in der es um Zukunftsszenarien für evangelische Bildung und Kirche geht, wird in Richtung der Landeskirchen formuliert: „Bei allen kirchlichen Entscheidungen mit Bezug auf die Schulen in evangelischer Trägerschaft darf diese Bindung der inhaltlichen Arbeit durch das doppelte Mandat nicht vergessen werden: Über die staatliche Mitfinanzierung wird eine mehrfache Hebelwirkung der eingesetzten Kirchensteuermittel ermöglicht.“

Dritte Perspektive:
Ein Jubiläum lädt dazu ein, zurückzublicken, wie ich es zu Beginn gemacht habe. Aber es lädt ebenso dazu ein, auf das Erreichte und nach vorne zu schauen.

Die Trägerschaft der Schlossschule Gaienhofen ist im Jahr 2002 auf die Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Baden übergegangen. Diese ist inzwischen Träger von sieben Schulen. An diesen Schulen kommen Menschen mit Kirche in Kontakt, die ansonsten in ihrem Alltag keinen Kontakt zur Kirche haben. Alle etwa 4.000 Schülerinnen und Schüler an unseren Stiftungsschulen nehmen am Religionsunterricht teil. Sie besuchen außerdem die wöchentlichen Andachten und die Schulgottesdienste, mit denen unsere Schulen dem Kirchenjahr folgen und die Kirchenfeste feiern. Sie bereiten diese oft selber mit vor. Die Schülerinnen und Schüler erleben täglich das meist gute Miteinander mit den Lehrkräften und den anderen Mitarbeitenden ihrer Schule.

Ein auf dem christlichen Menschenbild fußendes Miteinander wird am besten erfahrbar, wenn es vorgelebt wird. Und wo könnte eine bessere Gelegenheit dafür sein als an unseren evangelischen Schulen? Und das sage ich jetzt nicht nur, weil ich als Vorstand der Schulstiftung quasi von Amts wegen diese Ansicht vertreten sollte. Meiner Meinung nach hängt die Zukunft der Kirche in nicht unerheblichem Maße davon ab, ob es gelingt, Kinder und Jugendliche religiös zu sozialisieren und ihre Bildung zu fördern. Dabei kommt es maßgeblich darauf an, dass religiöse Erfahrungen in Bezug auf andere Menschen erlebt werden. Genau dazu ist Raum an unseren Schulen. Auch Albert Einstein schrieb zur Wichtigkeit von Vorbildern:

„Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild sein.“

An dieser Stelle möchte ich den Schulleitungen vergangener und gegenwärtiger Jahre danken, die Verantwortung übernommen und unsere Schulen geprägt haben.
Aber gerade auch die Lehrkräfte sind Vorbilder. Sie stehen an erster Stelle beim Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern und den Eltern und tragen wesentlich dazu bei, daß das evangelische Profil unserer Schulen erlebbar wird. Ich bedanke mich sehr herzlich für ihren täglichen Einsatz. Sie arbeiten nach meiner Wahrnehmung gerne an unseren Schulen.

Hier haben sie die Möglichkeit, pädagogische Konzepte auszuprobieren und in besonderer Weise pädagogisch innovativ zu arbeiten. Unsere Stiftungsschulen haben die Freiheit – ich hatte es vorhin schon erwähnt -, Neues auszuprobieren. Teilweise kann das auf dem Weg des Schulversuchs gemacht werden. Nach einer Evaluation wird im Kollegium entschieden, ob das Versuchte beibehalten werden, ob es geändert werden soll oder ob es wieder verworfen wird. In der Vergangenheit hat das Land Baden-Württemberg auf diese Weise innovative und pädagogisch fundierte Konzepte und sogar Fächer von den Freien Schulen übernommen, auch hier von Gaienhofen. Das ist wirklich toll! Darauf kann unsere Landeskirche stolz sein.

Auch die Erzieherinnen und Erzieher, die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter und die anderen pädagogischen Mitarbeitenden, Sekretärinnen, Hausmeister und Verwaltungsmitarbeitenden sorgen dafür, dass Schule jeden Tag gelingt. Sie alle tragen dazu bei, dass aus Gebäuden Lernorte werden und aus Unterricht Gemeinschaft entsteht.
Sie alle sind Teil der Schulgemeinschaft.

An den Gottesdiensten nehmen auch die Familienmitglieder teil. Sie erleben dann bewegende Gottesdienste und Feiern, an denen ihre Kinder beteiligt sind – deswegen besuchen sie diese überhaupt -, und erleben somit ganz selbstverständlich kirchliches Leben. Eltern, Geschwister, Großeltern, Patinnen und Paten – potenzieren Sie diesen Personenkreis mit 4.000. Dann wissen Sie, wie viele Menschen unsere Schulgottesdienste erreichen, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Und zwar regelmäßig Jahr für Jahr. Zwei unserer Schulen wurden bereits als Friedensstifterschulen zertifiziert. Auch in diesen Prozess sind Eltern eingebunden.

Auch ihnen gilt mein Dank. Ohne ihr Vertrauen gäbe es unsere Schulen nicht. Sie vertrauen uns das Wertvollste an, was sie haben: ihre Kinder. Ich erinnere mich beispielsweise an die sechs Familien, die ihre Kinder für die allererste 5. Klasse unserer Ingeborg-Herrmann-Schule in Pforzheim angemeldet haben im Sommer 2022: Da gehörte schon eine große Portion Mut und Vertrauen dazu, denn zu sehen war noch nichts – ja es gab noch nicht mal eine Genehmigung für die Realschule.
Die Eltern tragen durch ihr Engagement, ihre Unterstützung und durch finanzielle Beteiligung wesentlich dazu bei, dass evangelische Schulen bestehen und sich weiterentwickeln können.

All die eben genannten Personen und günstigen Rahmenbedingungen unserer evangelischen Schulen bergen ein enormes Potential. Ich wünsche uns, dass sie dieses auch in Zukunft ausschöpfen können.

Nun komme ich zum Ende meiner Ausführungen:

Die evangelischen Kirchen stehen vor Veränderungen: Die kirchliche Sozialisation fällt weg, so dass bisher selbstverständliche kirchliche Bindungen abnehmen und Traditionen nicht mehr automatisch tragen. In den neuen Bundesländern sind die evangelischen Landeskirchen übrigens diesem dort ganz drastischen Abbruch der Kirchenverbundenheit mit der Gründung von Schulen begegnet. Denn Orte, an denen Menschen Glauben, Gemeinschaft und Verantwortung konkret erleben können, werden dann umso wichtiger. Evangelische Schulen sind solche Orte, weil die Kinder und Jugendlichen bereits da sind und dort, ganz weltlich, zur Schule gehen.

Hier entstehen Beziehungen. Hier wachsen Netzwerke. Hier werden Werte nicht nur gelehrt, sondern gelebt. Hier können Menschen erfahren, dass sie angenommen sind, dass sie Verantwortung übernehmen können und dass Hoffnung eine tragfähige Kraft für das Leben ist.

Ich möchte enden mit der Wiederholung des Zitates von Martin Luther:

Die Schulen und die Kirche stehen und fallen miteinander. Wenn wir die Schulen erhalten, wird auch die Kirche erhalten.

Friederike Heidland, Vorstand der Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Baden, 25.9.2026