Umfangen von Gottes Ewigkeit

Mittwochsandacht_online

Foto: Manuela Prosperi

Während an manchen Orten – in Supermarktregalen und auf den ersten Weihnachtsmärkten – schon die Vorweihnachtszeit angebrochen zu sein scheint, ging am vergangenen Sonntag erst einmal das alte Kirchenjahr zu Ende. Das bedeutet – zumindest in diesem Fall – nicht etwa, dass die Kirche der Zeit hinterherhinken würde. Im Gegenteil: Die Kirche nimmt den Wandel der Zeit dadurch gerade ernst. Die Zeit ist nicht nur ein stetig gleichbleibender Fluss von Wohlfühlmomenten. Und das Leben ist auch kein Hopping von Event zu Event, von Freudenfest zu Freudenfest. Zum Leben gehören auch die schweren Zeiten, die Zeiten von Abschied und Ende. Wo Religion die schweren und traurigen Seiten ausblendet, wird sie dem Leben und damit auch den Menschen nicht gerecht.

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr wird als Toten- oder auch als Ewigkeitssonntag gefeiert. Im einen Fall ist die liturgische Farbe Schwarz, im anderen Weiß. Dabei sind das eine wie das andere zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Mit dem Tod geht ein Leben zu Ende. Die Hinterbliebenen trauern – meist in Schwarz. Zugleich ist der Tod der Übergang in Gottes Ewigkeit, in die ewige Gemeinschaft mit Christus – weiß ist die Christusfarbe.

Im Gottesdienst am vergangenen Sonntag hier in der Kirche wurde der Verstorbenen aus unserer Gemeinde gedacht. Dabei wurde auch an unseren Mitschüler Luis Eglau gedacht, den wir im vergangenen März auf dem Friedhof in Horn beigesetzt haben. Im Gottesdienst haben einige Konfirmandinnen und Konfirmanden Gedanken zum Totengedenken und zum Ewigkeitssonntag vorgetragen. Pfr. Klaus hat in seiner Predigt einige davon aufgegriffen und weitergedacht.

Unter anderem ging es um die Bedeutung des gemeinschaftlichen Totengedenkens. Die Verstorbenen gehen auf diese Weise nicht verloren, sondern bleiben in der gemeinschaftlichen Erinnerung bewahrt. Der Tod ist ein Teil unserer Wirklichkeit, ein Teil des Lebens. Aber eben nicht nur er, sondern auch die Verstorbenen, um die wir trauern. Sie sind ein Teil unserer Biografie. Wir verstehen uns selbst nicht wirklich, wenn wir diesen Teil unserer Identität ignorieren.

So hat das Totengedenken auch eine Bedeutung auch für den Umgang mit dem eigenen Tod. Wir stürzen nicht einfach ins Nichts. Wir bleiben bewahrt in der Erinnerung. Zugleich ist der christliche Glaube ein Vertrauen auf mehr. Geborgen sind wir nicht nur in der menschlichen Erinnerung. Die verblasst in der Regel doch irgendwann – vielleicht nicht bei den Hinterbliebenen, aber doch bei kommenden Generationen. Und manche Sterbende haben auch keinen Menschen, der sie im Gedächtnis bewahrt. Aber jede und jeder Einzelne ist von Gott gewollt und ins Leben gerufen. Und ebenso wird jede und jeder Einzelne am Ende des Lebens bei Gott in Empfang und in seine Wirklichkeit aufgenommen.

In der Ausstellung von Manuela Prosperi im Gemeindehaus finden sich zwei Miniaturen, die diesen Zusammenhang schön illustrieren. „Anfang“ und „Ende“ heißen sie. Auf beiden Bildern steht im Zentrum ein Engel – Symbol für Gottes Gegenwart. Auf beiden Bildern spielt der Engel auf einer Harfe. Im linken Bild singt der Engel ein Neugeborenes in den Schlaf. Im rechten einen Menschen am Ende des Lebens in den ewigen Schlaf. Auf beiden Bildern sind darüber hinaus geflügelte Wesen abgebildet. Im linken wirken sie auf mich wie Schmetterlinge oder noch ganz kleine Engel, die auffliegen, um das Leben zu entdecken. Auf dem rechten sind es weitere Engel, die den Sterbenden behüten. Dieser ist zudem auf Blumen gebettet. Bei Gott geborgen vom ersten bis zum letzten Atemzug, das drücken diese Bilder für mich aus. Gottes Wirklichkeit umgreift unsere menschliche Wirklichkeit. Das ist es, was ich unter Ewigkeit verstehe.

Die Harfe spielenden Engel stehen auch für die bergende Kraft der Musik. Vor zweieinhalb Wochen haben wir mit dem Vokalensemble Gaienhofen das „Deutsche Requiem“ von Brahms gesungen. Brahms hat darin nicht die üblichen Texte eines Requiems verwendet, sondern Texte aus der Bibel zusammengestellt, die er selbst ausgesucht hat. Ihm ging es dabei darum, den Trost Gottes im Angesicht des Todes herauszuarbeiten. Darin liegt ein Kontrast und zugleich ein Zusammenspiel. An einer Stelle des zweiten Satzes kommt dieser Kontrast und dieses Zusammenspiel besonders schön zum Ausdruck.

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras

und alle Herrlichkeit des Menschen

wie des Grases Blumen.

Das Gras ist verdorret

und die Blume abgefallen.

 

So seid nun geduldig, lieben Brüder,

bis auf die Zukunft des Herrn.

Siehe, ein Ackermann wartet

auf die köstliche Frucht der Erde

und ist geduldig darüber, bis er empfahe

den Morgenregen und Abendregen.

So seid geduldig.

Der Endlichkeit wird die Zukunft des Herrn gegenübergestellt. Der Vergänglichkeit des Grases und der Blumen das Heranreifen der Frucht. Im Johannesevangelium ist es Jesus selbst, der das Sterben und Auferstehen in das Bild vom Sterben des Samenkorns und seinem erneuten Emporwachsen und Fruchtbringen fasst.

Ein Ende wird zu einem neuen Anfang. Das alte Kirchenjahr geht zu Ende, damit mit dem Advent ein neues beginnen kann. Ein irdisches Leben geht zu Ende und findet Eingang in Gottes Ewigkeit. Oder mit Worten des 121sten Psalms: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

Arnold Glitsch-Hünnefeld