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Zum Gedenken an die Schulgründer

Gedenken an das Gründerehepaar Georg und Bertha v. Petersenn

Zum Gedenken an Bertha und Georg von Petersenn und der Errichtung des Gedenksteines im Vorgarten des Lern- und Medienhauses sprach am 27.3.2015 der Urenkel der Verstorbenen...........: 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, zum Gedenken an meine Urgroßeltern, die Gründer des ersten Deutschen Landerziehungsheimes für Mädchen, an diesem Ort sprechen zu können.

Der Anlass hierfür ist, dass das Grab von Bertha und Georg von Petersenn aufgelöst wurde. Es lag, wie manche von Ihnen wissen, in dem Teil des früheren Schulgartens, in dem nun das neue Campusgebäude errichtet wird. Es lag sowohl meiner Familie, als auch der Leitung der Schule daran, mit dem Verschwinden der Grabstelle nicht auch die Erinnerung an das Gründerehepaar in Vergessenheit geraten zu lassen. Deshalb wurde der ehemalige Grabstein des Ehepaares von Petersenn nun als Gedenkstein hier aufgestellt.

Ich möchte hier auf einige Fakten aus der Zeit zwischen der Gründung des Landerziehungsheimes im Jahre 1904 und der Übernahme der Schule durch die evangelische Landeskirche im Jahre 1946 eingehen. Wer waren Bertha und Georg von Petersenn, und wie kam es dazu, dass sich das erste Deutsche Landerziehungsheim für Mädchen nach seiner Gründung bei Berlin ausgerechnet hier in Gaienhofen weiter entwickelte?

Bertha von Petersenn war die Tochter des berühmten Pathologie- Professors Eduard von Rindfleisch. Ihr Mann, Georg von Petersenn, stammte aus Wolmar in Livland. Er war Professor an der Königlichen Musikhochschule in Berlin. Bertha von Petersenn war geprägt durch eigene Erfahrungen mit dem Bildungssystem für höhere Töchter am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie hielt dieses System für unbedingt reformbedürftig. Für ihre Gedanken fand sie Rat und Unterstützung durch Hermann Lietz, der sich zur gleichen Zeit mit ähnlichen Reformvorhaben beschäftigte und bereits sein erstes Landerziehungsheim für Knaben in Ilsenburg in Sachsen Anhalt eingerichtet hatte. 

Bertha von Petersenn begann im Jahr 1900 ihre Ideen zu realisieren, indem sie  in Stolpe bei Berlin für acht  Mädchen ihr Landerziehungsheim für Mädchen gründete. Ihre Ziele waren: „Eine Erziehungsstätte zu schaffen, die in sorgsamer Weise ihr Augenmerk auf die körperliche, sittliche, geistige und praktische Ausbildung richtet“. Da das Heim in Stolpe für eine weitere Entwicklung zu klein war und zu nah an den Einflüssen der Großstadt lag, wurde 1903 nach langem Suchen das Schloss in Gaienhofen als geeigneter Ort gefunden und zunächst von den Grafen von Bodman gepachtet. 1905 kam es dann zum Kauf des Anwesens. Ein wesentlicher Grund für die Wahl dieses Ortes war, dass das Land Baden zu dieser Zeit die für Mädchen fortschrittlichste Schulpolitik in deutschen Landen betrieb. So wurden dort bereits im Jahr 1900 junge Frauen zum Universitätsstudium zugelassen.

Gaienhofen bot in seiner friedlichen, ländlichen Umgebung den angestrebten Abstand zu den Einflüssen der Großstadt und bot mit seiner unverfälschten Natur und freien Flächen Platz für Sport, Spiel und praktische Arbeit in den eigenen Gärten. In dieser damals so abgelegenen Umgebung fand Bertha von Petersenn übrigens pädagogischen und praktischen Rat bei den Leitern der damaligen Internatsschule für Knaben in Glarisegg, einer Gründung von ehemaligen Mitarbeitern ihres Unterstützers Hermann Lietz.

Der Schulbetrieb begann 1904 mit 14 Schülerinnen. Im Jahr 1908 waren es 33  und 1930 etwa 60 Schülerinnen. Hinzu kamen schon bald auch externe Schüler aus der Umgebung. Im sogenannten „Häusli“ auf einem Nachbargrundstück wohnten die kleinsten Schülerinnen zusammen mit der Tochter von Bertha von Petersenn. Im gleichen Haus wurde auch ein Kindergarten eingerichtet. Zur Erziehungsarbeit gehörte übrigens auch, dass ältere Schülerinnen an einem Tag der Woche in bedürftigen Familien im Dorf im Haushalt helfen mussten. Weniger Freude dürfte einigen Gaienhofnern gemacht haben, dass sie aus Sorge um das Wohlergehen ihrer Schülerinnen die in der Nachbarschaft am See liegende Wirtschaft „Zum Kreuz“ kaufte und abreißen ließ. 

Der Unterricht erfolgte im Prinzip nach dem Lehrplan für Oberrealschulen. Hinzu kam auf Wunsch etlicher Eltern eine starke hauswirtschaftliche Ausrichtung. Prüfungen für das sogenannte Einjährige und das Abitur mussten in Konstanz abgelegt werden. Der Aufbau des Landerziehungsheimes stellte Bertha von Petersenn immer wieder vor erhebliche wirtschaftliche Probleme. Auch war es nicht einfach, geeignete Lehrerinnen und Lehrer für die hier verlangte aufwendige Erziehungsarbeit zu finden. Es bedurfte zweifellos eines großen Maßes an Idealismus und viel Verzicht bei den Mitarbeitern, das Unternehmen durch vielfältige Schwierigkeiten zu führen. Finanzielle Unterstützung kam dabei von ihrem Ehemann, ihren Eltern und sicherlich auch von Familien von Schülerinnen.

Nach den Jahren des Aufbaus des Landerziehungsheimes stellten sich bei Bertha von Petersenn gesundheitliche Probleme ein. Sie übergab die Leitung der Schule an ihre tatkräftigen Mitarbeiterinnen  Elisabeth Müller, eine Lehrerin, die aus einer der Lietz-Schulen kam, und die Schweizerin Hedwig Haldimann aus Bern. Bertha von Petersenn verstarb am 2.Oktober 1910 nach einer verschleppten Blinddarmentzündung im Hospital in Kreuzlingen. Ihr Werk wurde von Elisabeth Müller und Hedwig Haldimann mit beeindruckender Energie weitergeführt. 

Elisabeth Müller kaufte 1913 die Schule und führte sie zusammen mit Hedwig Haldimann und ihren Mitarbeiterinnen in bewundernswerter und mutiger Weise durch die schwierige Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Ebenso setzten sie sich durch gegen die in den 30er Jahren beginnenden nationalsozialistischen Anfechtungen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Auch nach den Wirren der Besetzung der Schule durch französische Militärs und Ferienkinder schafften es diese mutigen Frauen, den Schulbetrieb - zeitweise auch in Räumlichkeiten außerhalb des Schlosses - bis zur Übernahme durch die evangelische Landeskirche im Jahre 1946 weiter zu führen. Beide waren Persönlichkeiten, die von Ihren Schülerinnen liebevoll „Talis“ und „Haha“ genannt wurden. Als externe Schüler erlebten auch mein Bruder Thomas und ich diese beiden außergewöhnlichen Erzieherinnen noch 1943 / 44.

Elisabeth Müller verstarb 1948 in Gaienhofen. Sie wurde auf dem Friedhof in Hemmenhofen beerdigt, wo jetzt auch die sterblichen Überreste von Bertha von Petersenn ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Georg von Petersenn verstarb 1930 in Gaienhofen. Er wurde in Horn beigesetzt.

Mir bleibt, dem Leiter der Schule,  Herrn Toder, für die Platzierung des Gedenksteines zu danken, ferner Herrn Bürgermeister Eisch und seinen Mitarbeitern für die Unterstützung bei der Auflösung der Grabstätte. Mein ganz besonderer Dank gilt Herrn Gerhard Weiermann, der in einfühlsamer Weise die Exhumierung der vor 105 Jahren Verstorbenen durchgeführt hat.

Lorenz Rönnebeck - Urenkel der Schulgründerin
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