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„Tradition heißt nicht das Bewahren von Asche, sondern die Weitergabe der Glut.“

"Wir gedenken, wir feiern nicht." - Die Schließung des Internats im Sommer 2013

Die Schulstiftung der badischen Landeskirche hat die Schließung des Internats Gaienhofen und die Gründung einer evangelischen Realschule zum Sommer 2013 beschlossen. Der Vorsitzende der Stiftung, Oberkirchenrat Christoph Schneider-Harpprecht, verwies zur Begründung auf die unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven, die die zur Weiterführung des Internats notwendigen Investitionen in Millionenhöhe nicht realistisch erscheinen ließen. Die jahrelangen Bemühungen um eine bessere Auslastung des Internats seien erfolglos geblieben, bedauerte er. Der Stiftungsrat würdigte auf seiner Sitzung am Donnerstagabend in einer ausführlichen Diskussion die Argumente der Initiative Pro Gaienhofen, die sich für eine Fortführung des Internats eingesetzt hat.

"Die Entscheidung für ein Evangelisches Schulzentrum mit Gymnasium, Wirtschaftsgymnasium und Realschule wird als in die Zukunft weisende Lösung für die Gaienhofener Schule zügig vorangetrieben", kündigte Schneider-Harpprecht weiter an. Der Beschluss trage zur Sicherung des traditionsreichen Schulstandorts am Bodensee bei. Bereits zum Schuljahr 2009/2010 wurde in Gaienhofen ein Wirtschaftsgymnasium eröffnet. Mit der nun beschlossenen Gründung einer Realschule entsteht ab dem Schuljahr 2011/2012 ein neues „Evangelisches Schulzentrum am Bodensee". Schüler der umliegenden Realschulen können auf das Wirtschaftsgymnasium wechseln, um ihr Abitur abzulegen. Zudem können Gymnasialschüler aus Gaienhofen dort die Mittlere Reife machen, ohne die Schule verlassen zu müssen. Für den Ausbau des Schulangebotes müssen neue Räume auf dem Campus geschaffen werden. Der Schulträger wird darum in nächster Zeit kräftig in das Projekt investieren. (Presseerklärung vom 10.9. 2010)

 

Aus der Rede des Schulleiters zur Schließung des Internats am 16. Mai 2013:

Wir gedenken, wir feiern nicht.

Wir nehmen heute Abschied von einer Einrichtung, die an Ostern vor 109 Jahren hier, in diesem Schlossareal, hoffnungsvoll und sicher auch erwartungsvoll mit 14 Schülerinnen begonnen wurde: das erste Deutsche Landerziehungsheim für Mädchen wurde eröffnet, in Sichtweite von Glarisegg auf der anderen Seeseite, wo zwei Jahre zuvor ein ähnliches Heim gegründet worden war; im Land Baden, weil es damals, so die Einschätzung der Gründerin, Bertha von Petersenn, das liberalste Land für Mädchenbildung in Deutschland war.  

Wir befinden uns also an einem historischen Ort der deutschen Reformpädagogik – Gaienhofen gehört zum Urgestein dieser Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. [...]

Ich zeichne diese Anfänge so detailliert nach, weil ich denke, dass von den damaligen Erziehungszielen viele über die Jahrzehnte fortgeschrieben wurden, dass der Gründungsgeist einer Erziehung zur Selbständigkeit – „selbständig seinen Weg zu gehen“ – bis in die Generation zu spüren war, die heute hier versammelt ist. [...]

Denn auch bei der Neugründung im kirchlichen Zusammenhang ist dieser Geist noch vorhanden – den Kreisen um Pfarrer Senges, dem damaligen Seelsorger für die hintere Höri, gelang im Herbst 1945 der Abschluss eines Pachtvertrags zwischen der Evangelischen Landeskirche und Frau Dr. Müller, der damaligen Besitzerin. Der Vertrag wurde ausdrücklich „zum Betrieb eines christlichen Landerziehungsheims“ (§1) geschlossen, bei Eintrag ins Vereinsregister am 31.7.1946 wurde daraus allerdings die „Christliche Internatsschule Schloss Gaienhofen“, eine „Höhere Schule mit Internat.“

Diese Trennung in Schule und Internat war der erste Trennstrich zum Selbstverständnis der LEH, sie führte auch in den Folgejahren immer wieder zu Zwistigkeiten darüber, wer denn nun der eigentliche Leiter der Einrichtung sei, der Internats- oder der Schulleiter. Eine spannungsvolle Angelegenheit bis in die jüngste Vergangenheit, jedenfalls so lange Pfarrer Internatsleiter waren. [...]

Am 7.1.1946 begann im Schloss erneut der Internats- und Unterrichtsbetrieb, koedukativ mit 30 Schülerinnen und Schülern. Ende 1946 wurden 55 interne und 45 externe Schüler gezählt, darunter auch Kinder von Opfern des 20. Juli 1944 (von Moltke und von Gersdorff); unter den externen Schülern waren – schon damals – mehr katholische als evangelische. 

In der Folge hat sich die Internatsschule auch in ihren Schülerzahlen gut entwickelt: Vor 50 Jahren besuchten gut 300 Schüler diese Schule, davon waren über 200 im Internat untergebracht, weit über den heutigen Schul- und Internatscampus hinaus. Ein Blick auf die Zeitleiste, die für heute vorbereitet wurde, zeigt die verschiedenen Orte hier in Gaienhofen und in der Umgebung. Bei manchen von Ihnen ist die „Villa Bella Vista“ in Marbach lebende Erinnerung oder das Heim „am alten Bach“ und die Heime im Gütebohl und Erlenloh, noch bevor 1972 die Günter-Adolph-Heime hier oben im Dorf Richtfest hatten. 1973 war die Gesamtzahl der Schüler etwas gestiegen, auf etwa 350, die Zahl der Internatsschüler leicht gefallen auf knapp 200. Aber auch bei diesem Zahlenverhältnis kann man mit Fug und Recht von einer Internatsschule sprechen! Vor 30 Jahren schließlich war die Gesamtzahl auf 470 Schüler angewachsen – im Internat lebten 160. Und wieder 10 Jahre später, 1993, also bereits vor 20 Jahren, war das Zahlenverhältnis deutlich verändert: 520 Schülern insgesamt standen gerade noch 110 Internatsschüler gegenüber – vor 10 Jahren dann war das Verhältnis vollends auf knapp 7 : 1 angewachsen (550 gesamt; davon 83 im Internat). In der Folge habe auch ich in Aufnahmegesprächen häufiger gehört, dass Eltern eine „richtige“ Internatsschule suchten, also eine, in der tatsächlich zumindest die Mehrheit der Schüler auch in der Schule wohnt.... [...]

Jenseits aller Zahlen und Entwicklungen haben in dieser Internatsschule Schüler und Lehrer zusammen gelebt und gearbeitet, haben Interne und Heimleiter den Alltag gestaltet und den Festtag - und das war immer mehr als eine „Wohngemeinschaft“ nach heutiger Vorstellung. Und bis heute ist es uns im Internat wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler auch miteinander auskommen, ihren Platz finden, gemeinschaftsfähig und abgrenzungsfähig werden. Sie verleben wichtige Jahre ihrer persönlichen Entwicklung und damit einen Teil ihrer Entwicklung zur Persönlichkeit hier im Internat. Sie nehmen unendlich viele Erinnerungen mit, so wie alle Generationen vor ihnen, an Mitschüler, an prägende Personen aus Schule und Internat. Und sie haben – wenn es gut gegangen ist – eine „zweite Heimat“ hier gefunden. 

Schön gesagt hat dies im ‚Korrespondenzblatt Evangelischer Schulen und Internate’ Udo Beenken, bis 1998 langjähriger Schulleiter. Er hat dies in seiner Abschiedspredigt wiederholt:

Tag- und Nacht- Internate, wenn sie nicht zu Jugendhotels verkümmern sollen, sind Häuser, die das Zusammenleben Tag und Nacht wollen. Aber, und das wird das Klima unserer Internatshäuser prägen, „Tag und Nacht“ bedeutet auch, dass wir ohne Klage und ohne Vorwürfe die Tagseite des jugendlichen Lebens wie die Nachtseite aushalten; Erfolg, Gelingen, Freude, Selbstbewusstsein sind eben benachbart mit Misserfolgen, Kummer, Scheitern; diese Nachbarschaft nicht wegzuerziehen, sondern darin zu leben mit Geduld, Zuwendung, Trost und Vergebung ist (jenseits eines unkritischen pädagogischen Humanismus) christliche Erziehung. Dies ist der Hintergrund, vor dem wir in unseren Internaten hoffen und durch das Echo unserer Ehemaligen bestätigt bekommen: Das Internat war ein zweites Zuhause; und wir kennen genug Beispiele, um sagen zu dürfen: Für viele war es das erste Zuhause. (U.Beenken: Soll Kirche Schule machen? zit. aus: Schloss Gaienhofen (Hrsg.): 60 Jahre. Wegmarken 1946-2006, Gaienhofen, mds-Verlag 2006, S. 30f. ).

Ein Zuhause zu verlieren, tut weh. Deshalb halten wir in Schule und Internat heute inne, daher „gedenken“ wir - und feiern nicht. Es ist ein trauriger Anlass, der uns zusammen führt – und es ist allen bekannt, dass die Notwendigkeit zur Schließung des Internats bis heute nicht von allen anerkannt wird. Den von der Schulleitung in ihrem Masterplan 2010 entwickelten Ideen zur Stabilisierung des Internats und zur Zukunftssicherung der „Internatsschule“, u.a. die nochmalige Erweiterung des schulischen Angebots um eine Realschule und ein Tagesinternat, konnte sich das entscheidende Gremium der Schulstiftung nicht nachhaltig anschließen. Die dazu nötigen Investitionen im Internatsbereich wären zu groß gewesen. 

Wie auch immer – wir haben den Beschluss und wir haben davon auszugehen. Auch dafür gibt es Gremien in einer Institution. Aber es ist auch ein Erkennungszeichen für eine kirchliche Institution, dass sie diesen schmerzlichen Prozess nicht ausblendet und unbegleitet lässt. Wir haben eben im Gottesdienst erlebt, dass in aller Trauer und dem Wissen um das „Zu Ende Gehen“ auch ein Keim Hoffnung für das Neue enthalten ist.  [...]

Wir beenden am Ende des Schuljahres eine 109jährige Tradition, die viele Menschen für ihr ganzes Leben positiv geprägt hat. Wir beenden damit aber nicht eine über das Heute hinaus lebendige Schule. Wir planen und denken und arbeiten seit 3 Jahren auch auf den Zustand hin, der im kommenden Schuljahr dann eingetreten sein wird: die Zeit nach dem Internat, die Zeit als Regionalschule – ein Prozess übrigens, den die anderen Gründungsschulen der Stiftung bereits 1986 und 1996 durchlaufen haben. [...]

Was auch bleibt, ist ein Stück des Wohninternats, das zeitlich am Nachmittag liegt: ich spreche vom Tagesinternat – auch das ein Begriff, der in manchen Kreisen umstritten ist, ich weiß! Hier werden wir Kontinuität wahren in der Studienzeit, ab dem neuen Schuljahr auch für Oberstufenschüler, und in der Freizeitgestaltung in nach wie vor über 20 Arbeitsgemeinschaften! Kontinuität wird hier übrigens auch personell gewahrt werden: die heutige Internatsleiterin, Frau Erler, wird die zukünftige Tagesinternatsleiterin und Schulsozialarbeiterin sein. [...]

Aus diesem Grund sind wir vor allem dankbar: für das, was gewesen und geworden ist, für die gelebte Gemeinschaft bis heute, für die aufreibende Arbeit der Internatsmitarbeiter, ob Lehrer oder Erzieher, zu allen Zeiten, bis heute. Dass gerade die emotional nicht einfachen letzten Jahre doch so gut wie geschehen im Internat verarbeitet wurden, danken wir besonders den bis zum Schluss bleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern! Der Einschnitt tut vor allem auch den jetzigen Internen weh. Auch und gerade für sie gestalten wir den Abschied heute und morgen: Nach einem gemeinsamen Grillen wird ein Kunstwerk im Feuer entstehen, das morgen Früh im Rahmen einer Andacht ans Licht gehoben werden soll. Dieser symbolische Akt kann die Erinnerung an gelebte Gemeinschaft stärken, über alle Trauer hinweg.

Tradition heißt nicht das Bewahren von Asche, sondern die Weitergabe der Glut.

Daher reiche ich an dieser Stelle im übertragenen Sinne auch denjenigen die Hand, die heute bewusst nicht hier sind, und sage ihnen zu: diese Schule verdient es, auch weiterhin von den Freunden und Förderern der Internatsschule unterstützt zu werden! Erste, hoffnungsvolle Zeichen gibt es in Form von Zusagen einzelner Mitglieder des FFK, auch das Tagesinternat mit einem Stipendium für diejenigen auszustatten, die eine finanzielle Unterstützung brauchen. Zumindest ebenso wichtig ist jedoch, dass sie ihre Hand nicht zurückziehen, wenn es um eine ideelle Unterstützung der weiteren Entwicklung „ihrer“ Schule in Gaienhofen geht. 

(Dieter Toder, 16. Mai 2013)

Gedenken im historischen Schloss
Der letzte Jahrgang der Internatsschüler von Schloss Gaienhofen
„Tradition heißt nicht das Bewahren von Asche, sondern die Weitergabe der Glut."
Ausharren am Feuer
Abschlussgottesdienst
Das historische Schloss
Internatsgebäude "Auf der Breite"
Internatsgebäude auf der Breite
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Das historische Schloss (Treppenaufgang)
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