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Handarbeit im Gemeinschaftsraum

Das deutsche Landerziehungsheim für Mädchen

Nach einigen Besitzerwechseln pachtete 1903 der Berliner Musikprofessor Georg von Petersenn das Schloss und kaufte es 1906. Berta von Petersenn richtete 1904 das Deutsche Landerziehungsheim (DLEH) für Mädchen nach den Grundsätzen von Dr. Hermann Lietz im Schloss ein und gab ihm so wieder eine Funktion. Die Grundsätze des Dr. Lietz waren für die damalige Zeit neu. Es wurde ein Zusammenleben im Geist einer einer echten großen Familie angestrebt. Bei Beachtung jeder einzelnen Persönlichkeit sollten für Lehrer und Schüler zum Ganzen strebende, christliche, soziale und "vaterländische" Ideale maßgeblich sein. Die SchülerInnen sollten im Wesentlichen selbst dazu finden: durch freies Zusammenleben ohne äußerlichen Zwang, durch innere Teilnahme, echte Herzensfreude am Leben, durch Arbeit für Heimgemeinschaft und in freier Natur. Körperliche Arbeit gehörte in hohem Maße dazu.

Auszug aus der Lietz'schen Ordnung für die DLEH:

Von jedem Schüler wird erwartet,

  • dass er im Geist der Heime in Wahrhaftigkeit lebt. 
  • dass er alles unterlässt und nichts bei seinen Kameraden duldet, was zur Schwächung seiner und seiner Kameraden dient (Alkohol, Rauchen, ungesunde hässliche Lebensweise).
  • dass er keine minderwertigen Bilder und Bücher mitbringt.
  • dass er keine vom Heim benannten Lokale der Nachbarschaft besucht.
  • dass er regelmäßig teilnimmt an den vorgesehenen Übungen Lauf, Turnen, Schwimmen, Duschen.
  • dass er regelmäßig am Vorlesen, den Familienabenden und Feiern teilnimmt.

Jeder hat die vorgeschriebene Kleidung zu tragen. 

Jeder muss bemüht sein, sich selbst und die Räume sauber zu halten, sich täglich zu waschen und Zähne zu putzen, Betten rechtzeitig zu machen, im Zimmer nichts herumliegen zu lassen.

Jeder sollte in den Ferien etwas Wertvolles, seiner körperlichen, geistigen und sittlichen Kräftigung Dienendes treiben.

Jeder sollte es als Pflicht ansehen, auch in den Ferien "DLEHmäßig" gekleidet zu sein und zu leben.

 

1910, nach dem Tod von Frau Bertha Petersenn, kaufte Frl. Dr. Elisabeth Müller das Heim. Sie wurde unterstützt durch die Bernerin Fr. Dr. Hedwig Haldimann, ab 1919 auch von Frl. Hedwig Elben aus Stuttgart.

1913 waren bauliche Änderungen möglich: Dachstockausbau für Schülerzimmer, gemeinsamer Waschraum im Keller. In den Kriegsjahren 1914-18 war man weitgehend auf Selbstversorgung angewiesen. Der Gemüsegarten war groß, und dort, wo heute Kirche, Schulgebäude und AD-Saal stehen, war der Boden voll bewirtschaftet.

1925 brach im Schloss ein großes Feuer aus. Es zerstörte den Dachstock und die oberen Stockwerke. Das Schlossgebäude war nicht mehr bewohnbar, alle mussten ausziehen. Nur kurze Zeit fiel der Unterricht aus, Schüler und Lehrer aus Glarisegg stellten Quartiere und tätige Hilfe zur Verfügung. Das Schloss wurde wieder aufgebaut und erweitert: Scheune und Ställe wurden ausgebaut (Marstall), darüber Zimmer für Schüler und Lehrer, darunter eine Turnhalle. Das Hauptgebäude erhielt im Erdgeschoss ein Musikzimmer mit Bibliothek, es gab einen neuen Holzschuppen im Graben. Aus der Sportwiese wurde ein Sportplatz mit Toren - am selben Platz wie heute. Die Schülerzahl stieg bis 1930 beträchtlich. Seit 1928 steht das Schloss unter Denkmalschutz.

1933 begann eine schwierige Zeit, denn als Privatschule musste man täglich die Auflösung fürchten. Die Schulleitung stellte Sportplatz und Räume für Jungmädel zur Verfügung, der Samstag war als Staatsjugendtag unterrichtsfrei, stattdessen gab es HJ-Sport- und Heimabende. Die Kriegszeit war noch beschwerlicher, da die Schulleitung der Partei nicht beitrat. Man hielt dennoch trotz vieler Schwierigkeiten und Drohungen durch. Bei Kriegsende kam die französische Besatzung. Das Heimleben ging zwar weiter - aber jeglicher Unterricht war verboten, bis Schloss Gaienhofen für die Truppen beschlagnahmt wurde. Es hieß fortan "La caserne" für die "Diables rouges". Das Internat musste ins Seeheim umziehen - allerdings musste dafür eine Gehörlosen-Schule ausquartiert werden. Der Anblick, wie die armen gehörlosen Kinder mit Sack und Pack auf einem Pferdewagen ins Ungewisse davonfuhren, ist noch heute eine schmerzliche Erinnerung.

1945 ergaben sich zwischen der damaligen Besitzerin des Schlosses, Frau Dr. Elisabeth Müller und Pfarrer H. Senges (Wollmatingen) sowie Dekan Friedrich Mono (Konstanz) erste Kontakte zwecks einer Übernahme des Landerziehungsheimes durch die Evangelische Kirche. Frau Dr. Müller verstarb 1948 im Alten Bach, Gaienhofen. Sie ruht auf dem Friedhof in Hemmenhofen.

 

Margret Opitz;  in: Schloß-Schule Gaienhofen, Festschrift zum 40-jährigen Jubiläum der Evangelischen Internatsschule. Konstanz 1986; S. 12-16, gekürzt)

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